Rezensionen

Holzapfel, Günther (2022). Krise unserer Demokratie – Warum? Was tun? Hannah Arendt, Totalitarismus, politische Religionen, politischer Extremismus, Verschwörungstheorien, Aberglaube, Esoterik. Bremen. 262 Seiten. E-Book, kostenloser Download: https://doi.org/10.26092/elib/1565

Gerhard Gerke

In diesem E-Book wird der Frage nachgegangen, welche Faktoren dazu geführt haben, dass sich extremistische politische Bewegungen in den letzten Jahren in der politischen Landschaft etabliert haben. Der Verfasser untersucht die Gefährdungen unserer Demokratie gerade durch die jüngsten Aktivitäten der sogenannten Querdenkerszene, der Verschwörungstheoretiker*innen, aber auch der Aktivitäten der rechten politischen Parteien (AfD, Basis u. a.). Die Arbeit ist eine Zusammenschau der verschiedenen politikwissenschaftlichen Unterdisziplinen zur Erklärung des Rechtsrucks und anderer extremistischer politischer Bewegungen in Deutschland, die es in dieser Form bisher noch nicht gegeben hat.

Die Arbeit beginnt mit einer Auseinandersetzung mit dem Werk Hannah Arendts („Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“), in dem die existenziellen Bedrohungen, denen sich die Menschen in der Zeit der Weimarer Republik ausgesetzt sahen, dargelegt werden. Arendt zeigt, wie die damit verbundenen Gefühle von Angst und Heimatlosigkeit und die Suche nach Beendigung dieses Zustands zur Akzeptanz der einfachen Heilslehren des Nationalsozialismus geführt haben. Die Parallelen zu den aktuellen Heilslehren rechter Provenienz einschließlich der sogenannten Verschwörungstheoretiker*innen ist evident und zeigt mal wieder, wie aktuell bestimmte Arbeiten von Hannah Arendt sind.

Der nächste Denkpfad in der vorliegenden Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit totalitäre Bewegungen Elemente des Religiösen beinhalten und wann man von einer „politischen Religion“ sprechen kann. Die religionspolitologischen Forschungstraditionen werden hier referiert. Dem Verfasser geht es vor allem darum, „die Größe und das Ausmaß der emotionalen Kraft und Dynamik, die sich bei den Menschen in diesen Bewegungen zeigt und die sich aus der Suche nach einer übernatürlich, überirdisch oder übermenschlich wirkenden Kraft ergibt“ (S. 68), aufzuspüren. Holzapfel sieht bei der Fokussierung auf die hohe emotionale Attraktivität extremistischer Bewegungen den Vorteil, auf den Religionsbegriff zu verzichten, der die früheren Analysen dieser politischen Phänomene teilweise blockiert hat (vgl. S. 68 und 72).

Ein weiterer wichtiger Abschnitt der Arbeit beschäftigt sich mit den aktuellen Entwicklungen des Rechtsextremismus. Der Linksextremismus wird ebenso untersucht, aber hier wird auf eine Aussage von A. Pfahl-Traughber verwiesen, der einen Mangel an Untersuchungen zum Linksextremismus konstatiert. Zum Rechtsextremismus gibt der Autor in Kapitel 8.1 bis 8.6 die wichtigsten Forschungsergebnisse einschlägiger Studien wieder, reiht sie in ihrer Bedeutung ein und weist auch auf Probleme hin, die empirische Sozialforschung bei der Datenerhebung haben kann. Verdienstvoll sind auch die Darstellungen der Untersuchungsergebnisse zur psychischen Disposition Rechtsextremer, deren Gewaltbereitschaft und Aggressivität einer innerpsychischen Spannung geschuldet sein kann, die in der Verfolgung anderer Menschen („Feindbilder“) diese Spannung aufzulösen sucht. Spannend fand ich auch die Darlegung der Beispiele biografieorientierter Forschung (Kap. 8.6.3), die in den Interviews die Radikalisierungsprozesse verdeutlicht, welche im rechtsextremistischen Milieu vor sich gehen.

Im letzten Abschnitt der Arbeit widmet sich der Autor der Rolle und Funktion von sogenannten Verschwörungstheorien. Der Autor gibt die einschlägigen Ansätze zur Erklärung von Verschwörungstheorien wieder.

Am Ende der Arbeit steht die Frage: Was tun? Hier werden einzelne Ziele angesprochen, z. B. im Bereich der Medienpädagogik. Nicht nur Wissensbestände sollten vermittelt werden, sondern auch Handlungskompetenzen.

Für mich als Erwachsenenbildner überzeugt an der Arbeit, dass einmal die wesentlichen wissenschaftlichen Ergebnisse der Studien zum Rechtsextremismus verständlich dargelegt und auch kritisch gewürdigt werden. Auch ist der Aufbau der Arbeit so gestaltet, dass man einen schnellen Zugriff zu speziellen Themen findet, ohne dass man das ganze Werk von A bis Z durcharbeiten muss. Das macht die Lektüre für Personen rund um Politikwissenschaft, Psychologie, Religionswissenschaft und für alle, die sich einen schnellen Überblick über die Entwicklung des Extremismus verschaffen wollen, attraktiv.

Boeser, Christian & Wenzel, Florian (2022). Lange Nacht der Demokratie. Inspiration, Begegnung und Reflexion im öffentlichen Raum. Mit einer inhaltlichen Einführung von Ilse Aigner. Ulm: Verlag Klemm+Oelschläger. 175 Seiten.

Rolf Sprink

„Die Lange Nacht der Demokratie ermöglicht Inspiration, Begegnung sowie Reflexion zur strukturellen und persönlichen Bedeutung von Demokratie.“ So lautet der Leitsatz für ein Projekt des Netzwerks Politische Bildung Bayern, dessen erstes Treffen vom 2. auf den 3. Oktober 2012 in Augsburg stattfand, das 2018 erstmals bayernweit in zehn Kommunen veranstaltet wurde und an dem sich 2021/22 über 50 Kommunen in Bayern beteiligten. Die Publikation bietet zum einen eine Dokumentation mehrjähriger Erfahrungen und versteht sich zum anderen als praxisbezogene und motivierende Handreichung für Akteurinnen und Akteure, die eine Lange Nacht der Demokratie in ihren Kommunen etablieren wollen – und das durchaus auch in anderen Bundesländern.

Die Autoren charakterisieren im Teil A des Buches „Hintergrund und Überblick“ das Projekt als eine Form der politischen Bildung, die sich vom seminaristischen Lernen unterscheidet, indem sie niedrigschwellig unterschiedliche Milieus zusammenbringt, die sich sonst nicht treffen würden, und Lust auf einen streitbaren Austausch mit anderen Perspektiven macht. Beispielhaft werden bereits hier Einblicke in die Praxis vermittelt und Besonderheiten des Ansatzes herausgestellt (u. a. Vernetzung, persönliche Wertschätzung, Wertedialoge). Als besonders originelle Teilaktionen herausgegriffen seien „Slammen für die Demokratie“ (Kronach 2018), „Die Verfassung in Versen“ (München 2018), „Dancing Democracy“ (Eichstätt 2021) oder „(D)eine Minute für die Demokratie“ (Bayern 2021). In einigen Fällen schloss die Lange Nach der Demokratie eine „Woche zur Demokratie“ ab.

Breiten Raum nimmt das Kapitel „Gesellschaftspolitischer Hintergrund“ ein, das schonungslos Phänomene und Defizite unserer gespalteten Gesellschaft aufdeckt. Dem müsse (Demokratie-)Kompetenz als soziale Handlung entgegengesetzt werden. Das Konzept der Langen Nacht der Demokratie trägt zur Stärkung non-formaler und informeller Kompetenzen jenseits von Wissensvermittlung bei und wirbt für eine demokratische Streitkultur im öffentlichen Raum.

Wie funktioniert nun diese besondere Form des Demokratie-Lernens? Dazu äußern sich die Autoren im zweiten Teil B „Umsetzungsbausteine: Menschen einladen“. Detailliert werden hier erlebte Erfahrungen aufgelistet, Impulse vermittelt und Initiative motiviert. Mit Blick auf die Umsetzungsplanung folgt die Vorstellung geeigneter Vernetzungsprozesse, wobei Volkshochschulen, Jugendringe, Kommunale Partnerschaften, Netzwerke für Demokratie sowie die Landeszentrale für Politische Bildung bewährte Potenziale bereithalten.

In diesen „Umsetzungsbausteinen“ liegt der besondere Wert der Publikation. Sie begründen und illustrieren jeden Gestaltungsschritt. Das betrifft die Einbindung der Öffentlichkeit, den Vorbereitungsprozess und den öffentlichen Raum als Ort der Begegnung.

Die Publikation schließt mit dem Teil „Der Nachklang als Anstoß zur Verankerung“. Ein möglichst vielstimmiges Feedback und ein Nachtreffen zwecks Evaluierung bis hin zu Absprachen mit dem Ziel, das Netzwerk zu verstetigen sowie Lernerfahrungen zu verankern, konstituieren nicht nur den Ausblick, sondern fließen auch einer landesweiten Steuerungsgruppe zu, die – nicht zuletzt! – zwecks Mittelbeantragung ansprechbar ist.

Neben Grafiken und Checklisten unterstützen zahlreiche Porträts von Projektbeteiligten und ihre Aussagen die Lesbarkeit und Attraktivität des Buchs. Zu Wort kommt auch der Verleger und Honorarprofessor für Erwachsenenbildung und Weiterbildung an der Technischen Universität Chemnitz Ulrich Klemm, indem er die Intention des Bandes wie folgt beschreibt: „Selbstorganisation und die Übernahme von Verantwortung für sich und das Gemeinwesen sind das grundlegende Werkzeug für demokratische Entwicklungen.“

Veranstaltungen

Im Landesverband der Volkshochschulen von NRW seit 75 Jahren gemeinsam stark für Bildung

Celia Sokolowsky

Seit einem Dreivierteljahrhundert verschaffen sich die Volkshochschulen in Nordrhein-Westfalen über ihren Landesverband bildungspolitisches Gehör und gestalten die Zukunft des Bundeslandes mit. Die Leitidee, Bildung für alle lebenslang und lebensbegleitend zu fördern, ist aktuell geblieben, auch wenn sich die Herausforderungen heute anders stellen als unmittelbar nach Nazi-Diktatur und Weltkrieg. So unterstützen die Volkshochschulen aktuell die Integration Zugewanderter vor Ort, sie begleiten die Menschen in einer Zeit sozialer wie technologischer Umbrüche und befähigen zum aktiven Handeln und Gestalten in Gesellschaft und Beruf.

„Jede und jeder hat das Recht, die zur freien Entfaltung der Persönlichkeit und zur freien Wahl des Berufs erforderlichen Kenntnisse und Qualifikationen zu erwerben und zu vertiefen“, lautet § 1 des Weiterbildungsgesetzes NRW. Daraus leitet sich die Pflicht der Kommunen ab, eine Volkshochschule zu unterhalten, um Weiterbildung für alle Menschen wohnortnah und niedrigschwellig anzubieten. Als kommunale Weiterbildungszentren sind die 131 Volkshochschulen in NRW flächendeckend präsent und erreichten mit ihrem Programm vor der Pandemie jährlich rund 1,5 Millionen Teilnehmende. Derzeit werden die pandemiebedingten Rückgänge überwunden.

Ein Festakt im Landtag am 26. Oktober 2022 war Höhepunkt verschiedener Aktivitäten anlässlich des Verbandsjubiläums. Festredner*innen würdigten das Wirken der Volkshochschulen für die Förderung von Teilhabe, Chancengerechtigkeit und Demokratie. Insbesondere der Vizepräsident des Landtags Rainer Schmeltzer verwies auf diese besondere Bedeutung der Volkshochschulen: „Mit ihren Angeboten haben die Volkshochschulen in ganz entscheidender Weise zur Entwicklung der parlamentarischen Demokratie, zum Demokratieverständnis der Bürgerinnen und Bürger beigetragen. Sie wirken nach wie vor als Werkstätten und Lernorte der Demokratie, als Resonanzräume für den demokratischen Dialog, als frei zugängliche Foren zum Austausch von Ideen und nicht zuletzt auch als Förderer der Integration und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.“

In einem Impulsvortrag betonte der Bielefelder Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick: „Krisen sind Zeiten, in denen sich Stabilität und Normalität aufzulösen scheinen.“ Es brauche angesichts multipler Krisen und massiver Verunsicherung nicht nur Bildungsangebote, sondern auch Räume für Austausch und Vielfalt, Schutzräume für Missachtete, Räume für gemeinsames Schaffen. Volkshochschulen seien deshalb auch als reale Anlaufstellen wichtig: „Das ist wie ein Park. Den kann man nicht digitalisieren, da muss man reingehen.“

Im Rahmen der Festveranstaltung gratulierte auch die Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Ina Brandes. Sie betonte die Bedeutung der Verbandsarbeit: „Die vielfältigen Aufgaben und Herausforderungen, vor denen Volkshochschulen stehen, erfordern eine Unterstützungs- und Vernetzungsarbeit sowohl nach ‚innen‘ als auch nach ‚außen‘. Diese leistet der Landesverband der Volkshochschulen. Seine Arbeit ist unverzichtbar für die erfolgreiche Arbeit der Mitgliedseinrichtungen.“

Der Präsident des Landesverbandes Klaus Hebborn erklärte anlässlich des Jubiläums: „Auch 75 Jahre nach Gründung hat der Auftrag der Volkshochschulen und ihres Landesverbandes nichts an Bedeutung eingebüßt. Die Bildungsangebote der Volkshochschulen sind ein entscheidender Beitrag zur gelebten Bildungsgerechtigkeit in unserem Land und die Weiterbildung ist heute mehr denn je ein gleichberechtigter Teil des Bildungswesens von NRW.“

Das bundesweit beispielhafte Weiterbildungsgesetz wurde zuletzt überarbeitet und der öffentliche Auftrag für die Volkshochschulen damit nochmals unterstrichen. Das novellierte Gesetz verbessert nicht nur die Finanzierung des pädagogischen Personals, sondern auch die Möglichkeiten der Volkshochschulen, auf gesellschaftliche Veränderungen und neue Herausforderungen flexibel und mit innovativen Ansätzen zu reagieren.

Neues Präsidium von ESREA gewählt

Bernd Käpplinger

Die European Society for the Research of the Education of Adults (ESREA, www.esrea.org) hat im November 2022 auf ihrer digitalen Mitgliederversammlung turnusgemäß ein neues, zwölfköpfiges Präsidium für die nächsten drei Jahre gewählt. Ihm gehören an: Per Andersson (Linköping University), Rosanna Barros (University of Algarve), Fergal Finnegan (Maynooth University), Laura Formenti (University of Milano-Bicocca), Maria Gravani (Open University of Cyprus), Martin Kopecký (Charles University Prague), Maja Maksimovic (University of Belgrade), Barbara Merrill (University of Warwick), Marcella Milana (University of Verona), Joanna Ostrouch-Kaminska (University of Warmia and Mazury in Olsztyn), Steffi Robak (Leibniz University Hannover) und Päivi Siivonen (University of Turku).

Gutachter*innen im Jahr 2022

Matthias Alke

Christian Bernhard-Skala

Rainer Brödel

Stephanie Conein

Juliane Engel

Anke Grotlüschen

Erik Haberzeth

Christiane Hof

Cornelia Maier-Gutheil

Rosemarie Klein

Ulrich Klemm

Julia Koller

Kira Nierobisch

Ines Sausele-Beyer

Silke Schreiber-Barsch

Jörg Schwarz

Tim Stanik

Daniel Wrana

Die Herausgebenden und die Redaktion der Hessischen Blätter für Volksbildung bedanken sich bei allen herzlich für die unentgeltliche Arbeit im Rahmen der Reviews.