Nachruf

Nachruf auf Horst Siebert

Rolf Arnold und Ekkehard Nuissl

Am 22. Oktober 2022 verstarb Horst Siebert (* 8. Juli 1939). Er war einer der wichtigsten Stichwortgeber, Forscher, Beobachter, Kommentator und Autor der Erwachsenenpädagogik in Deutschland.

Bevor Horst Siebert auf den ersten explizit für Erwachsenenpädagogik ausgeschriebenen Lehrstuhl an der heutigen Leibniz-Universität Hannover berufen wurde, hatte er in Kiel und München Literaturwissenschaft, Philosophie und Altphilologie studiert und dieses Studium 1965 mit einer Dissertation über Hegels Einfluss auf Friedrich Hebbel abgeschlossen. Es folgte eine Phase als wissenschaftlicher Assistent an der Ruhr-Universität Bochum (1966–1969), die er 1969 mit seiner Habilitation über die Erwachsenenbildung in der DDR abschloss. Von 1970 an war Siebert als Professor für Erwachsenenbildung an der PH Niedersachsen tätig, die 1977 in der Universität Hannover aufging. 30 Jahre lang bis zu seiner Emeritierung 2007 (und darüber hinaus) wirkte er von dort aus für die Erwachsenenbildung in Deutschland und auf sie ein, bei gleichzeitig großem Engagement für die Ausgestaltung seines Fachgebietes an der Universität Hannover und im regionalen Umfeld in Forschung, Lehre und Praxis.

Sieberts erwachsenenpädagogisches Werk ist breit ausgelegt. Er arbeitete zur Bildungstheorie und Didaktik der Erwachsenenbildung sowie zu den Themen Umweltbildung, Lehr-Lern-Forschung und Konstruktivismus. Bei Wikipedia wird er zu den „führenden Konstruktivisten der deutschen Erziehungswissenschaft“ gezählt. Damit ist Sieberts Spätwerk treffend charakterisiert, nicht jedoch sein Gesamtwerk. Siebert zählt zu den produktivsten und meistzitierten Vertretern der Disziplin Erwachsenenpädagogik. Von ihm gingen vielfältige Impulse insbesondere zur Erwachsenendidaktik aus, aber auch zu deren Bildungstheorie und historischen Bezügen. Seine zentrale erwachsenenpädagogische Leitstudie zum Lehren und Lernen Erwachsener aus den 1970er Jahren, der Phase des Aufbaus der Erwachsenenbildung zum quartären Bildungsbereich in Deutschland, stand am Beginn der empirischen Forschung in dieser Disziplin. Er war maßgeblich am Entstehen der Sektion Erwachsenenbildung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) beteiligt. Von 1982 bis 1988 war er ihr zweiter Sprecher. Er gründete bereits 1978 (mit Johannes Weinberg) den Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung, der heute als Zeitschrift für Weiterbildungsforschung eine der zentralen wissenschaftlichen Publikationen dieses Bereiches ist.

In der ihm zu seinem 60. Geburtstag gewidmeten Festschrift sprechen die Herausgeber von einer „kompetenten Kontinuität“, deren „stabilisierender Effekt“ mit „anregenden Bezügen wie mit Einsichten“ halfen, die „Relevanz und [den] Stand der Erwachsenenbildung realistisch ein(zu)ordnen“. Diesen nüchternen Blick auf die Gegebenheiten behielt Siebert auch bei seinen konstruktivistischen Arbeiten bei. Ihm ging es darum, Erwachsenenbildung als einen Umgang mit Wirklichkeiten auszuloten, wobei er sich schon früh erkenntnis- und beobachtertheoretischen sowie hirnphysiologischen Modellen zuwandte. Dabei präsentierte er sich als ein moderater Konstruktivist, der nicht allein der Selbstorganisation der menschlichen Wahrnehmungen sowie der „Verschränkung der Blicke“ in einem dialogischen Lernprozess nachspürte, sondern auch der Veränderbarkeit von Deutungs- und Emotionsmustern für eine verbesserte „Gangbarkeit“ (Viabilität) in den realen Bezügen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Zahlreiche wirkungsstarke Publikationen, etwa das Buch zur „Konstruktivistischen Erwachsenenbildung“, kennzeichneten seinen Einfluss.

Horst Siebert wusste, dass Bildung und Vernunft sich nicht in Selbstorganisation und Viabilität auflösen. In der „Konstruktivistischen Erwachsenenbildung“ schreibt er: „Vernunft unterscheidet sich von Viabilität u. a. durch Verantwortung“. Und er ging zugleich davon aus, „dass die konstruktivistische Lern- und Erkenntnistheorie eine notwendige, aber nicht hinreichende Grundlage für eine Didaktik der Erwachsenenbildung liefert, dass auch das Konstrukt der Viabilität didaktisch genutzt werden kann, ohne dass der Vernunftbegriff der Aufklärung als kognitive und ethische Orientierung für Bildungsarbeit überholt oder entbehrlich ist“. In einem Interview anlässlich seines 60. Geburtstags stellte er fest: „Für mich ist Bildung immer noch ein aktuelles Projekt, das über instrumentelles Lernen und über funktionale Qualifizierung hinausgeht. Ich habe heute den Eindruck, dass zu viel von Informations- und Wissensgesellschaft die Rede ist und zu wenig von einer möglichen Bildungsgesellschaft“.

Horst Siebert wirkte nicht bloß durch forschende Auslotung, begriffliche Schärfung und theoretische Klärung, er war auch von ganzem Herzen akademischer Lehrer und Begleiter. Dies zeigen nicht allein seine Aktivitäten an seiner Heimatuniversität, sondern auch seine Mitwirkung am Erwachsenenbildungs-Master-Programm der TU Kaiserslautern, seine zahlreichen Gastprofessuren und Lehraufträge an in- und ausländischen Universitäten oder seine Lehrtätigkeiten in der Erwachsenenbildung selbst. In diesen Angeboten konnten die Studierenden ihn im Einsatz erleben, wobei er sich nie mit fertigen Konzepten, Erklärungen und Entwürfen zeigte, sondern sich eher tastend, suchend und auslotend und völlig ohne Allüren bewegte. Er nahm die Lernenden mit auf einen reflektierenden Lernprozess.

Horst Siebert lebte in einem Arbeiterviertel und trainierte dort auch viele Jahre lang eine Jugendmannschaft im Tischtennis, wie seine Freunde zu erzählen wissen. Diese vernetzte sowie bescheidene und durch und durch menschliche und warmherzige Art von Horst Siebert war auch für viele Kolleginnen und Kollegen sein Markenzeichen. Er kam auf leisen Sohlen, aber mit festem Schritt daher. Er verstand es wie kaum ein anderer, auf Augenhöhe Nähe und Wertschätzung zu stiften, wie er überhaupt ein Stifter gewesen ist – von Gedanken, Wissen, Reflexionen, sozialen Bezügen. Er verstand es, nicht nur mit Kolleginnen und Kollegen Freundschaft zu stiften, sondern hatte auch stets einen Blick dafür, wo Menschen tatkräftige Hilfe und Unterstützung benötigten. Da war er zur Stelle.

Wir werden Horst Siebert sehr vermissen und ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Berichte

Jubiläum: 75 Jahre Landesverband der Volkshochschulen Niedersachsens

Berbel Unruh

Am 26. September 2022 feierte der Landesverband im Neuen Rathaus Hannover sein 75-jähriges Jubiläum. Ministerpräsident Stephan Weil betonte in der Festrede die Bedeutung der Volkshochschulen für die erfolgreiche Erwachsenen- und Weiterbildung in Niedersachsen.

Bildung für alle zu gewährleisten und den Zugang zur Bildung allen Bürgerinnen und Bürgern ein Leben lang zu ermöglichen, dafür stehen der Landesverband und seine 57 Volkshochschulen.

Mehr als 130 Personen folgten der Einladung ins Rathaus Hannover. Neben den Vertreterinnen und Vertretern aus den niedersächsischen Volkshochschulen waren auch zahlreiche Gäste aus Politik, Wissenschaft und der Erwachsenenbildung bundesweit gekommen.

Der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes, Landrat Henning Heiß begrüßte die Gäste und betonte die Bedeutung des Landesverbands für den Austausch mit der (Landes-)Politik. Er schaute auf die Vielfalt der 57 Volkshochschulen mit ihren mehr als 200 Außenstellen und stellte fest, dass Volkshochschule überall in Niedersachsen zu finden ist, dass Volkshochschulen Bildung vor Ort ermöglichen und Begegnungsräume für Gemeinschaft und Demokratie schaffen.

Die Grußworte kamen von Martin Rabanus, dem Vorsitzenden des Deutschen Volkshochschulverbandes, und Dr. Marco Trips, dem Präsidenten des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Kommunalen Spitzenverbände Niedersachsens.

Der Festvortrag von Albrecht von Lucke, Politikwissenschaftler und Publizist, griff das Spannungsfeld von Politik und Bildung auf. So wurde nicht nur im Titel „Zusammen Denken in der Zeitenwende: der mündige Bürger zwischen Politik und Volkshochschule“, sondern auch im Vortrag deutlich, dass Volkshochschule eng mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden ist. „Auch und gerade in Krisenzeiten ist die vhs vor Ort die kompetente und verlässliche Adresse für passgenaue Qualifizierungs-, Beratungs- und Unterstützungsangebote“, ergänzte Winfried Krüger im Nachgang, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands und Geschäftsführer der kvhs Ammerland gGmbH.

Berbel Unruh, Verbandsdirektorin, betonte im Gespräch danach: „Volkshochschulen bieten mehr als funktionale Bildung. Sie stehen für Vielfalt und gleichberechtigte (Bildungs-)Teilhabe für die gesamte Bevölkerung. Sie vermitteln Schlüsselkompetenzen im Sinne von ‚Lebenskompetenzen‘, die in einer von tiefgreifenden Veränderungen geprägten Gesellschaft sowohl für die private als auch die berufliche Orientierung künftig immer wichtiger werden.“

Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler, der von Staatssekretärin Dr. Sabine Johannsen vertreten wurde, gratulierte dem Landesverband im Vorfeld der Veranstaltung zum Jubiläum: „Die Volkshochschulen bilden gemeinsam ein starkes Netzwerk der Weiterbildung in Niedersachsen. Sie sind kommunal verankert und erreichen mit ihren Außenstellen die Teilnehmenden in allen Regionen des Landes unmittelbar vor Ort. Für das Land haben sich die Volkshochschulen gemeinsam mit ihrem Landesverband nicht zuletzt in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen als eine tragende Säule der Erwachsenenbildung erwiesen. Mit ihren Weiterbildungsangeboten zu aktuellen gesellschaftlichen Themen und ihrer thematisch vielfältigen, pädagogisch wertvollen und innovativen Arbeit setzen sich die Volkshochschulen für ein gelingendes demokratisches Zusammenleben in Niedersachsen ein.“

Volkshochschulen sind in ihrer Geschichte und heute wichtige Bildungspartner vor Ort, in den Kommunen. Der Landesverband unterstützt die Arbeit seiner Mitgliedseinrichtungen, vernetzt die gemeinsamen Interessen und vertritt diese gegenüber Politik und Gesellschaft, damit weiterhin allen Menschen eine aktive Teilhabe an der Gestaltung unserer Gesellschaft ermöglicht wird.

Tagung und Jubiläum: 50 Jahre Sektion Erwachsenenbildung

Bernd Käpplinger

Vom 14. bis 16. September 2022 fand die Jahrestagung der Sektion Erwachsenenbildung an der Europa-Universität in Flensburg bei Beatrix Niemeyer-Jensen und ihrem Team mit rund 150 Teilnehmenden statt. Das Tagungsthema „Re-Konstruktionen. Krisenthematisierungen in der Erwachsenenbildung“ wurde vor rund einem Jahr bei der vorherigen, virtuellen Sektionstagung an der Universität Hamburg entschieden. Es zeigte leider allzu große Aktualität. Bettina Dausien (Universität Wien) und John Preston (University of Essex) hielten die beiden anregenden Keynotes auf Deutsch und Englisch, an die sich mehr als ein Dutzend Foren und Einzelvorträge anschlossen. Verschiedene Krisen rund um Corona, Flucht oder Klimawandel waren dabei Thema, die grundlagen- oder anwendungsorientiert präsentiert und diskutiert wurden.

Am 15. September 2022 wurde im Rahmen der Sektionstagung das 50. Jubiläum der Sektion mit einem Festakt begangen. Nach Grußworten von der Deutschen Ge­sellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) und dem Ehrenvorsitzenden des dvv, Dr. Ernst Dieter Rossmann, steuerte Sabine Schmidt-Lauff die Festrede mit dem nachdenklichen wie motivierenden Titel „Die Zukunft kann beginnen“ bei. Ein Plenumsgespräch moderiert von Malte Ebner von Eschenbach mit den drei Wissenschaftlerinnen Maria Kondratjuk, Silke Schreiber-Barsch und Aiga von Hippel leitete dann zum musikalischen und geselligen Teil des Festempfangs über. Ein Sammelband zum Jubiläum ist kostenlos im Internet als Download in der Publikationsreihe der Sektion beim Verlag Barbara Budrich verfügbar: https://shop.budrich.de/produkt/50-jahre-sektion-erwachsenenbildung-in-der-deutschen-gesellschaft-fuer-erziehungswissenschaft/.

Nachdem die Sektion 1971 bescheiden mit 28 Gründungsmitgliedern begann, zählt sie 2022 nach einem relativ stetigen Wachstum über die 50 Jahre hinweg im deutschsprachigen Raum nun durchaus stattliche 515 Mitglieder an universitären und nicht universitären Forschungseinrichtungen. Sie zählt somit zu einer der größeren Sektionen innerhalb ihrer Dachorganisation (DGfE).

2023 wird die nächste Sektionstagung vom 11. bis 13. September an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Bernhard Schmidt-Hertha und seinem Team stattfinden. Das Thema ist „Erwachsenenbildung und Nachhaltigkeit“, was nicht allein im ökologischen Sinne zu verstehen ist.

Internationale Tagung und Jubiläum: 30 Jahre ESREA

Bernd Käpplinger

An der Mailänder Bicocca-Universität fand in Italien vom 29. September bis 1. Oktober 2022 die 10. Triennial Conference der European Society for the Research of the Education of Adults (ESREA) statt. Sie widmete sich mit drei Keynotes und rund 150 Teilnehmenden in vielen Panels aus vielen Ländern Europas und aus Übersee optimistisch und kritisch-reflektiv dem Thema „New Seeds For a World to Come. Policies, Practices and Lives in Adult Education and Learning“. Deutsche stellten die zweitgrößte nationale Teilgruppe bei den Teilnehmenden und Vortragenden. ESREA wurde 1992 von Forschenden im Bereich Adult Education und Adult Learning gegründet, sodass im Rahmen der Tagung auch das Jubiläum zu 30 Jahren begangen wurde.