1 Die Grundidee der Initiative regional-digital@vhs

Der Name der Initiative regional-digital@vhs steht für eine enge Zusammenarbeit von mittlerweile vier benachbarten ländlichen vhs beim Angebot von digital-unterstütztem Lernen mit regionalem Bezug und Relevanz. Die Initiative wurde zunächst mit drei vhs (vhs Landkreis Gießen, vhs Bildungspartner Main-Kinzig und der vhs Wetterau) im November 2020 begründet und wuchs seit Juli 2021 auf vier vhs (einschließlich vhs des Vogelsbergkreises) an. Der Kooperation liegt eine schriftliche Vereinbarung zugrunde. Ein gemeinsames Logo soll die Sichtbarkeit in der Kommunikation mit den Stakeholdern unterstützen. Seit Beginn der Kooperation teilen die Beteiligten die Annahmen, dass eigens organisierte Onlinekurse und digital-unterstützte Lernsettings ein fester Bestandteil des zukünftigen Bildungsangebotes werden und dass dieses eines Zuschnitts auf die Bedarfe der Zielgruppen im ländlichen Raum ebenso bedarf wie das analoge Kursangebot.

Bezogen auf die erste Annahme stellten sich die beteiligten vhs zu Beginn der COVID-19-Pandemie folgende Frage: Wie wird es möglich, dass die eigens organisierten Onlinekurse die notwendige Mindestteilnehmendenzahl erreichen würden? Um Onlinekurse fest in den vhs zu etablieren, waren ineinandergreifende Entwicklungen auf verschiedenen Ebenen mit allen Beteiligten (Leitung, pädagogisch Planende, Kursleitungen, Verwaltungsmitarbeitende etc.) nötig. In diesem Prozess mussten neue und unsichere Lösungen in der (administrativen) Arbeit gefunden werden: So mussten technische Plattformen und Videokonferenzsysteme erschlossen werden, die datenschutzkonform und ausreichend leistungsfähig sind, didaktische Konzepte ins Digitale umgesetzt und Anmeldeprozesse und Modi der Kundenkommunikation vor und nach dem Kurs angepasst werden. Dabei war zunächst unklar, wie gut die Adaption an das neue Medium Lehrenden und Teilnehmenden gelingen würde. Aufgrund dieser Ausgangssituation entstand der Wunsch, den Übergang ins Digitale nachhaltig erfolgreich zu gestalten, damit der Aufwand von allen Akteuren als lohnenswert eingeordnet wird. Die nötigen Mindestteilnehmendenzahlen wurden erreicht durch ein abgestimmtes, gemeinsames Bewerben einer Auswahl der Onlinekurse auf den zur Verfügung stehenden Kanälen (u. a. Websites, Presse, Social Media). So wurde die Sichtbarkeit des Onlineangebots erhöht und die Akzeptanz der digitalen Kursformate bei Kundinnen und Kunden, den Kursleitungen und den Programmverantwortlichen in Erfahrung gebracht, während sich das eigene digitale Kursprogramm weiterhin im Aufbau befand und an das Feedback angepasst werden konnte. In der Durchführung der selbstkonzipierten Onlineangebote konnten die vhs nachhaltige Kompetenzen festigen und ausbauen.

Die zweite Annahme, dass das digitale Kursangebot auf die Bedarfe der Zielgruppen im ländlichen Raum zugeschnitten werden muss, basierte auf der Beobachtung, dass in den bisherigen Onlineangeboten der regionale Zuschnitt keine große Rolle spielte. Vor diesem Hintergrund verfolgte die Initiative die Zielsetzung, ein digitales Kursangebot mit regionaler Kennzeichnung zu schaffen. Dabei wurde die Frage verfolgt, ob die regionale Verbundenheit und die Besonderheiten in den Landkreisen mit gleicher Bedeutung wie in der analogen Wirklichkeit Einzug in das digitale Kursangebot erhalten können und wie der Bildungsauftrag zur Stärkung digitaler Kompetenzen im ländlichen Raum umgesetzt werden kann. In den Bereichen Planung, Organisation, Öffentlichkeitsarbeit und Werbung fanden deshalb Onlinearbeitstreffen der Kooperationspartner*innen, Onlinekonferenzen mit Kursleitungen sowie Barcamps mit Netzwerkpartnerinnen und -partnern zur Bedarfserschließung statt. Neben der Entwicklung eines Onlinekursangebots und digitaler Vortragsveranstaltungen wurde mit der Initiative auch das Veranstaltungsformat des Onlineaktionstags entwickelt, bei dem eine Vielzahl an einstündigen Veranstaltungen gemeinsam geplant, organisiert, beworben und realisiert werden. Ähnlich wie andere zeitlich stark beschränkte Onlineveranstaltungen, dienen solche Onlineaktionstage als niederschwellige Einstiegsmöglichkeit für Neukundinnen und -kunden, um das Angebot der vhs kennenzulernen.

Es bleibt abzuwarten, wie gut es uns als regionale Initiative im ländlichen Raum gelingt, die digitalen Wirklichkeiten der Landkreise mit der Nähe zu bereichern, die die Kundinnen und Kunden aus der analogen vhs kennen und schätzen. Insbesondere vor dem Hintergrund der kontinuierlichen technischen Entwicklung und der sich verändernden Erwartungen und Nutzungsgewohnheiten von Kundinnen und Kunden stellt sich die Frage, inwiefern die Kommunikation mit Interessentinnen und Interessenten sowie Kundinnen und Kunden wie die Kursdidaktik bzw. die Methodik anderer Settings besser durch digitale oder hybride Begegnungsräume angereichert werden können.

Da wir uns in diesem Prozess immer wieder neuartigen Entwicklungen aussetzen, entstehen durch die Kooperationen Synergien und Entwicklungsräume, die auch durch die wissenschaftliche Begleitung und durch die Professur für Weiterbildung an der Justus-Liebig-Universität Gießen (Prof. Dr. Bernd Käpplinger) reflektiert werden. Die Initiative plant, eine gemeinsame Qualitätssicherung und -entwicklung aufzubauen und Weiterbildungen für Kursleitungen gemeinsam zu organisieren. Dadurch soll ein regionales Netzwerk zur digitalen Professionalisierung von Kursleitungen entstehen.

Was für viele Kooperationen im Allgemeinen gilt, trifft auch für die Initiative regional-digital@vhs zu: Durch die gemeinsame Entwicklung von regionalen digitalen Angeboten wird ein gegenseitiges Lernen der Organisationen ermöglicht. Im Austausch werden unterschiedliche Sicht- und Arbeitsweisen deutlich, durch die ein Blick von „außen“ auf die eigene Organisation geworfen werden kann. Das gemeinsame Arbeiten und Lernen erweitert sich mehr und mehr auf andere Funktionsbereiche der beteiligten Organisationen, beispielsweise auf die Social-Media-Verantwortlichen.

2 Adressatinnen und Adressaten sowie Nutzende der Initiative

Wir wollen mit unserem digitalen Programm alle Zielgruppen des analogen Angebots adressieren. Tatsächlich aber erreichen wir mit dem digitalen Programm tendenziell ein jüngeres Publikum. Ältere Personen erreichen wir demgegenüber kaum und vermuten, dass fehlende digitale Kompetenzen eine Zugangsbarriere darstellen. Um diese Barriere abzubauen, haben wir am Onlineaktionstag einen telefonischen Support eingerichtet, der jedoch nur selten genutzt wurde. Um die Barrieren weiter abzubauen, sind weitere Angebotsformate in Präsenz geplant, um mit den Teilnehmenden selbst über mögliche Formen der Unterstützung zu sprechen.

Onlinekurse und Onlinevorträge bieten besonders für interessierte Neukundinnen und -kunden jüngeren Alters die Möglichkeit, die vhs kennenzulernen. Die Angebote sind für Personen mit grundständigen digitalen Kompetenzen durch den Wegfall von Anfahrtszeiten oder Kostenreduktion sowie die erwartete, reduzierte CO2-Emmission besonders attraktiv. Insgesamt deutet sich an, dass durch kooperative (regional verortete) Onlineangebote ein größeres und vielfältigeres Angebot realisiert werden kann (Stichwort Mindestteilnehmendenzahl) und damit auch Herausforderungen von Flächenlandkreisen oder „ländlichen vhs“ bearbeitet werden können.

Im Rahmen der Kooperation machen wir uns als Bildungsorganisationen verstärkt auf den Weg, unsere eigenen digitalen Kompetenzen weiterzuentwickeln und Prinzipien digitaler Wirklichkeiten in den Landkreisen kennenzulernen, die schon heute und auch zukünftig noch selbstverständlicher von Kundinnen bzw. Kunden und Stakeholdern an uns herangetragen werden. Das betrifft neben der Angebotsentwicklung und Bedarfserschließung auch Bereiche wie Kundenkommunikation und Marketing.

3 Die Bedeutung von „Ländlichkeit“

Ländlichkeit bedeutet aus unserer Sicht zunächst vielleicht eine reduzierte Ausprägung der typischen Merkmale urbaner Settings. Solche Merkmale können sein: Vielfalt der Bildungsangebote, des Kulturangebots oder der lokalen Konsummöglichkeiten, Dichte der medizinischen Versorgungseinrichtungen, Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrsnetzes, Anzahl und Differenzierung der Arbeitsplätze etc. Dies sind Beispiele, die mit Urbanität in Verbindung gebracht werden können. Wenn man diesem Gedankengang folgt, wird deutlich, dass bestimmte Zielgruppenmilieus in geringerer Dichte im ländlichen Raum existieren, die sich für bestimmte Kursangebote interessieren und einen Kurs durch ihre Teilnahme erst ermöglichen. D. h., dass Menschen mit jeweils ähnlichen Wertesystemen räumlich verteilter im ländlichen Raum leben. Daher ist aus unserer Sicht für Ländlichkeit charakteristisch, dass die Anzahl von Interessentinnen und Interessenten für bestimmte Bildungsangebote tendenziell kleiner als im städtischen Raum ist und räumliche Entfernungen eine größere Rolle spielen. Die Kooperation regional-digital@vhs kann daher Bildungsangebote als Teil der (politisch geforderten) Daseinsversorgung sehr zeitnah durch eine größere Angebotsbreite und -tiefe bereichern.

4 Herausforderungen ländlicher Regionen?

Die Grundgesamtheiten der Zielgruppen sind vor Ort deutlich kleiner im Vergleich zur urban strukturierten vhs. Ländliche vhs müssen daher versuchen, Fahrtkilometer, Fahrtzeiten und CO2-Emission zu berücksichtigen, wenn sie Bildungsbedarfe erschließen, um ein entsprechendes Bildungsangebot zu organisieren. In vielen Landkreisen beeinflussen diese Faktoren die Kaufentscheidung der Kundinnen und Kunden. Möglicherweise können hybride Settings, in denen ein analoges Angebot mit digitalen Teilnahmemöglichkeiten ergänzt wird, den Einzugsbereich vergrößern. Diese Möglichkeiten werden in der Zukunft exploriert. Aufgrund der räumlichen Distanzen erscheint es uns umso wichtiger, lokal adressierte Angebote anzubieten, damit Kurse die nötige Mindestteilnehmendenzahlen erreichen.

Daher fragen wir uns, wie ländliche vhs verstärkt als „Bildungspartnerinnen“ lokal organisierter, demokratisch ausgerichteter Vereine mit Bildungsaufträgen und nichtprofitorientierten Organisationen wahrgenommen werden können. Diese Überlegungen fokussieren besonders Vereine und andere zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure, die die gesellschaftlichen Herausforderungen der digitalen Transformation, der Klimakrise, des demografischen Wandels und der Erosion demokratischer Werte mittels entsprechender Bildungsangebote aus einer am Gemeinwohl orientierten Perspektive adressieren wollen.

Wir verfolgen die Möglichkeit, über Außenstellenleitungen in den Städten und Gemeinden, die größere räumliche Distanzen zum Standort der vhs-Zentrale aufweisen, vor Ort als präsent wahrgenommen zu werden. Die Möglichkeiten der Außenstellenleitungen sind jedoch begrenzt. Wir stellen uns daher der Herausforderung, die Chancen zu nutzen, die in digitalen Formen der Zusammenarbeit und Netzwerkarbeit liegen, um verstärkt regionale und lokale Relevanz und Sichtbarkeit in Gemeinden und Städten zu erzielen.

5 Chancen für ländliche Regionen? Anschlussmöglichkeiten für Organisationen der Erwachsenenbildung!

Für die Menschen in den Landkreisen im Allgemeinen und unsere Kundinnen und Kunden im Besonderen vervielfältigt unsere Initiative Teilhabemöglichkeiten an Bildung durch ein größeres und leichter zugängliches Angebot.

Wir bieten uns für die Menschen an, die erste Onlineerfahrungen mit einem seriösen (Bildungs-)Partner erleben wollen und helfen so Vorurteile gegenüber einer digitalen Transformation abzubauen. Grundsätzlich sollen Teilnehmende durch die regional zugeschnittenen Onlineangebote der vhs neben den Inhalten auch digitale Anwendungskompetenzen erwerben, Letztere sollen zur digitalen Grundbildung quasi durch die „Hintertür“ beitragen. Im Rahmen der Kooperation regional-digital@vhs entstehen Synergien für die Organisationen, um bestmöglich tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen zu beantworten. Die Veränderungen betreffen uns als Bildungsorganisationen in der Art und Weise, wie wir arbeiten und was wir anbieten. Besonders die digitale Transformation trägt disruptive Züge für (bisher rein analog agierende) Bildungsorganisationen. Vor dem Hintergrund der beiden, eingangs geschilderten Annahmen stärkt die Kooperation die zukünftige Entwicklung der beteiligten Organisationen: So sollen eigens organisierte Onlinekurse und digital unterstützte Lernsettings ein fester Bestandteil des zukünftigen Bildungsangebotes werden. Zudem soll das digitale Kursangebot ebenso auf die Bedarfe der Zielgruppen im ländlichen Raum zugeschnitten werden.

Mit der kooperativen Grundhaltung und der daraus entstehenden Reichweite können die vhs eine entsprechende Kompetenz im Digitalen entwickeln. Den vhs wird so die Chance eröffnet, als digitale Treiberinnen im Landkreis und besonders in den Landkreisverwaltungen verstärkt Geltung zu erlangen. Die Nähe und das Vertrautsein im analogen Bildungsprozess „vor Ort“ (beispielsweise der soziale, informelle Austausch) sollten noch stärker durch entsprechende technische, methodische und konzeptionelle Arrangements in der digitalen Lernwelt ausgestaltet werden. Die vhs kann diese Qualität des „Vor-Ort-Seins“ auch im Digitalen entwickeln – als Bildungspartner „vor Ort“ aktiv zu sein, ist unserer Meinung nach mehr als eine gewisse Anzahl an Kursen online anzubieten. Um diese Herausforderung zukunftsgerichtet auszugestalten, stellt die Kooperation regional-digital@vhs einen fruchtbaren Rahmen dar.

Autoren

Daniel Schütz, Leitung vhs Wetterau

Torsten Denker, Leitung vhs Landkreis Gießen

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch die Redaktionskonferenz am 25.08.2022 zur Veröffentlichung angenommen.

This article was accepted for publication following the editorial meeting on the 25th August 2022.