1 (K)ein Leben auf dem Land?

Es gibt sie: Landflucht, Überalterung der Dörfer, Abbau von Infrastruktur, Leerstand. Trotz vielfältiger Versuche, gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land zu erreichen, ist der Blick auf ländliche Räume bisweilen von einem defizitären Ansatz geprägt. Die erste Frage ist, was es alles nicht gibt. Dies gilt ebenso für die Kultur und die Kulturelle Bildung: Das nächste Theater ist weit entfernt, das letzte Kino schon lange zu und eine echte Musikschule suchte man schon immer vergebens.

Breitenkultur ist Kultur

Ein genauerer Blick offenbart, was es hingegen alles gibt: die Laienspielgruppe, den Heimatverein und sogar noch den Kirchenchor. Diese Formen der Breitenkultur sind wichtiger Bestandteil der Identität und des Zusammenhalts im Dorf, mithin auch ein Standortfaktor und Indikator für Lebensqualität.

Vor allem durch Ehrenamt getragene Strukturen und Initiativen ermöglichen auch in ländlichen Räumen ein gewisses Angebot an Kultureller Bildung. Was tatsächlich Mangelware ist: etablierte Kulturschaffende, Förderungen aus staatlichen Töpfen und die Anerkennung ländlicher Angebote als Bildungspotenzial und Integrations­motor.

Bedarfe erkennen und passgenaue Angebote entwickeln

An diesem Punkt setzt die Landesvereinigung Kulturelle Bildung Hessen e. V. mit dem Programm LandKulturPerlen an und stellt sich die Frage: Wie können Akteurinnen und Akteure der Kulturellen Bildung in ländlichen Räumen gestärkt und in ihrer Arbeit unterstützt werden? Eine Antwort lautet: vorhandene Potenziale nutzen und weiterentwickeln! Akteurinnen und Akteure können dabei z. B. Vereine, Kulturschaffende und Initiativen, aber auch Gemeinden, Volkshochschulen, Familienzentren, Regionalentwickler*innen oder Personen aus Verwaltung und Politik sein.

Die dezentrale Struktur von LandKulturPerlen mit drei Regionalbüros – eines in jedem Regierungsbezirk – macht es möglich, dass die Regionalbeauftragten vor Ort in den ländlichen Räumen präsent sind, um dort die Bedarfe der Akteurinnen und Akteure zu erfassen. Mit diesem Wissen entwickeln sie passgenaue Angebote.

Ziel ist es, Akteurinnen und Akteure so zu stärken und zu professionalisieren, dass ein Anstoß zur Etablierung tragfähiger Strukturen in der Kulturellen Bildung in ländlichen Räumen gegeben wird. Sei es hinsichtlich der Qualität der Angebote, des Zugangs zu Fördermitteln oder der Kooperationsmöglichkeiten. Letztlich geht es um Mitgestaltung und Selbstwirksamkeit ohne weitere Hilfe von außen.

2 Finanzielle Förderungen

Eine wichtige Säule sind Projektförderungen. LandKulturPerlen vergibt kleine Summen zwischen 1.000 und 2.000 Euro; nicht viel – aber genau das, was gebraucht wird. Oftmals ist es diese Förderung, die ein kleines, aber gut durchdachtes und qualitätsvolles Projekt möglich macht; vielleicht sogar eines, das schon lange als Gedanke reifte und nun endlich umgesetzt werden kann.

Das gesamte Förderverfahren ist dabei möglichst niedrigschwellig gehalten und wird von den Regionalbeauftragten der LandKulturPerlen eng begleitet. So gelingt es, dass auch kleine Initiativen und Vereine einen Einstieg ins Förderwesen finden, statt an komplexeren Förderprogrammen zu scheitern.

Entscheidend für eine Förderung bei den LandKulturPerlen ist, dass das Projekt Bildung und Teilhabe ermöglicht. Die Teilnehmenden sollen sich selbst ausprobieren können, neue künstlerisch-kreative Fähigkeiten erwerben und vor allem den gesamten Prozess mitgestalten können.

Eine reine Konzertveranstaltung erfüllt diese Bedingung zwar nicht ..., aber z. B. das Seminar einer Musiklehrerin, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zwei Tage lang mit verschiedenen Instrumenten improvisieren und ihr musikalisches Ergebnis am Ende öffentlich präsentieren.

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Abbildung 1: „Das Finden der eigenen Musik“, 2021, Landkreis Kassel (Quelle: LandKulturPerlen)

Ein anderes Beispiel ist ein Graffiti-Workshop, in dem Kinder von einem Künstler die Techniken erlernen und dann ihre eigenen Ideen im Kunstwerk an der Wand um­setzen.

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Abbildung 2: „Von der Freifläche zum Graffiti-Kunstwerk“, 2021, Landkreis Kassel (Quelle: LandKulturPerlen)

Oder auch ein Hörspielprojekt vom Kinderkulturzentrum: Die Kinder entwickeln unter professioneller Anleitung eine Geschichte, sprechen diese im Tonstudio selbst ein und veröffentlichen sie sogar als CD.

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Abbildung 3: „Hör doch mal zu“, 2021, Lahn-Dill-Kreis (Quelle: LandKulturPerlen)

Kurz gesagt: Alle Sparten und Ideen sind willkommen! Sollte ein Vorhaben doch nicht zu den LandKulturen passen, beraten die Regionalbeauftragten die Akteurinnen und Akteure zu anderen Finanzierungsmöglichkeiten. Schließlich geht es darum, möglichst viele Ideen in die Tat umzusetzen.

3 Qualifizieren und fortbilden

Eine zweite Säule ist die Qualifizierung von Akteurinnen und Akteuren der Kulturellen Bildung. Ehrenamtlich tätige Vereinsmitglieder oder freie Künstler*innen haben durchaus festgestellt, was sie in ihrer Arbeit hemmt, wo sie Unterstützung benötigen. Die Regionalbeauftragten der LandKulturPerlen haben sich die Problemlagen angeeignet und auf dieser Grundlage ein Online-Seminar-Programm entwickelt. Die Seminare behandeln z. B. Fragen wie: Wie mache ich meinen Verein auf Social Media bekannt? Wie baue ich mit wenig Aufwand eine gute Website? Wie finde und halte ich Nachwuchs? Wie mache ich auf meine Angebote als Künstler*in/Verein aufmerksam? Wie erreiche ich mein Publikum? Welche Geldquellen und Fördermöglichkeiten gibt es noch? Welche rechtlichen Grundlagen muss ich in meiner Arbeit beachten?

Mittlerweile haben sich manche Themen zu Dauerangeboten entwickelt. Andere hingegen werden immer wieder ausgetauscht oder angepasst, um weiterhin nah an den Bedarfen der Akteurinnen und Akteure zu bleiben. So haben auch spartenspezifische Sonderthemen Eingang in das Programm gefunden.

4 Netzwerkaufbau – gute Arbeit sichtbar machen

Die größte Herausforderung ist eine dauerhafte und nachhaltige Stärkung der Strukturen in der Kulturellen Bildung in ländlichen Räumen. Ein erster Schritt kann sein, durch bessere Vernetzung Synergien zu nutzen und Zugangshemmnisse abzubauen. Deshalb gibt es auf dem Internetauftritt der LandKulturPerlen die KulturPerlenKette: ein kartenbasiertes Tool, auf dem sich Akteurinnen und Akteure der Kulturellen Bildung vorstellen und eigene Angebote sowie Bedarfe formulieren. Mit einer Filterfunktion finden so mögliche Kooperationspartner*innen zusammen: sei es für gemeinsame Projekte, eine abgestimmte Zielgruppenansprache oder die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur.

Regionalkonferenzen oder Ideenwerkstätten sind ein weiteres Angebot der LandKulturPerlen. Hier kommen Akteurinnen und Akteure aus verschiedenen Bereichen zusammen: ehrenamtlich Tätige, Künstler*innen sowie Vertreter*innen aus Verwaltung und Politik. Der intensive Austausch untereinander schafft Vertrauen und Verständnis für die Sichtweise des jeweils anderen. Insgesamt ist die dadurch geschaffene Basis ein Türöffner für kommende Projekte. Gleichzeitig wird ein Bewusstsein dafür erzeugt, dass Kulturelle Bildung eine Gemeinschaftsaufgabe ist, die auch öffentlicher Unterstützung bedarf. Gerade lokale Verwaltungen können viel bewegen, wenn sie eine Nutzung ihrer Anlagen oder Dienste einbringen. Gleiches gilt für Institutionen der Aus- und Weiterbildung. Diese können ihre Infrastruktur und Räumlichkeiten einbringen, Kulturschaffende als Dozierende engagieren und einen leichteren Zugang zu Zielgruppen finden. Langfristig profitieren auch die Gemeinden und Kreise von einem höheren Angebot Kultureller Bildung. Aufenthalts- und Lebensqualität werden spürbar verbessert, was letztlich die Attraktivität für Einwohner*innen und Unternehmen steigert.

5 Viel erreicht, viel zu tun

2017 startete die Landesvereinigung Kulturelle Bildung Hessen e. V. (LKB) LandKulturPerlen als Modellprojekt, das vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) gefördert wurde. Zunächst war dies als zeitlich befristetes Vorhaben angelegt, das über drei Jahre hinweg in jeweils ein bis zwei nordhessischen Landkreisen tätig sein sollte. Es wurde allerdings schnell deutlich, dass LandKulturPerlen in der Lage war, sehr präzise Lücken in der Förder- und Beratungslandschaft Hessens zu schließen. Die Angebote wurden in jedem Landkreis sehr gut angenommen und erste vielversprechende Veränderungen machten sich bemerkbar. Dies blieb auch dem Träger LKB und dem Geldgeber HMWK nicht verborgen. So war es folgerichtig, LandKulturPerlen ab Mitte 2020 auf ausgewählte Landkreise in allen hessischen Regionen auszuweiten (Nord, Mitte, Süd) und ab 2021 als Programm institutionell zu fördern.

6 Ausblick

Bundesweit stehen ländliche Räume im Fokus vielfältiger Entwicklungsprogramme und -maßnahmen. Der Mehrwert von Kultureller Bildung wird stetig deutlicher von der Politik erkannt. In Hessen entsteht zurzeit mit dem Masterplan Kultur ein kulturpolitisches Leitbild mit konkreten Ansatzpunkten und Maßnahmen. Vor diesem Hintergrund kann das Programm LandKulturPerlen auf eine Ausweitung seiner Aktivitäten hoffen. So könnte es seinen Teil dazu beitragen, Kulturelle Bildung und Teilhabe in ländlichen Räumen langfristig und flächendeckend zu verbessern.

Autor

Hauke Homeier, Programmleieter LandKulturPerlen der Landesvereinigung Kulturelle Bildung Hessen e. V.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch die Redaktionskonferenz am 25.08.2022  zur Veröffentlichung angenommen.

This article was accepted for publication following the editorial meeting on the 25th August 2022.


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Dieser Artikel wurde ursprünglich in ähnlicher Form als Blogbeitrag am 4. April 2022 bei EPALE unter der Lizenz CC BY 4.0 veröffentlicht.