1 Einleitung

Volkshochschulen sind bildungsoptimistisch: Sie orientieren sich an den Potenzialen der Menschen und nicht an ihren Defiziten, identifizieren und fördern Talente. Hinter unserer Arbeit steht die grundlegende Überzeugung von der Entwicklungs- und Lernfähigkeit Erwachsener, die ihre Bildungsbiografien weiterentwickeln möchten. Diese Potenziale haben einen emanzipatorischen Charakter: Es geht um die Erfüllung des dem Menschen eigenen Wunsches, sich selbst zu verändern, den eigenen Horizont zu erweitern und etwas Neues zu lernen. Das „lernende Subjekt“ besucht die Volkshochschule und ihre Lernorte in den allermeisten Fällen auf freiwilliger Basis, mit intrinsischer Motivation.

2 Grundbildung an der Volkshochschule Regionalverband Saarbrücken

Im Programmbereich Grundbildung und Schulabschlüsse treffen wir auf Menschen, die sich im Erwachsenenalter aufmachen, Lesen und Schreiben zu lernen. Zu den Teilnehmenden zählen auch Menschen, die schon lange im Berufsleben erfolgreich sind: zum Beispiel als Schausteller, als Lagerarbeiter, in der Pflege oder in der Produktion. Viele von ihnen haben über die Jahre individuelle „Bewältigungsstrategien“ entwickelt, sodass niemandem in ihrem Umfeld auffällt, dass sie nicht schreiben und lesen können. Durch die Nutzung digitaler Kommunikationsmittel wie Messenger-Diensten, hier insbesondere die Zuhilfenahme von Sprachnachrichten, wird die Schriftsprache noch stärker zurückgedrängt – ebenso durch Kommunikations-Symbole wie Emojis.

Die Volkshochschule Saarbrücken bietet seit über 40 Jahren Alphabetisierungskurse an, in denen Menschen mit Deutsch als Muttersprache und sehr gut Deutsch Sprechende das Lesen und Schreiben lernen. Es handelt sich um Termine für kleine Gruppen, die ein bis zweimal wöchentlich stattfinden. Hier unterrichten erfahrene Kursleitende, die das jeweilige individuelle Lerntempo der Teilnehmenden berücksichtigen und eine erwachsenengerechte und vertrauensvolle Lernatmosphäre schaffen. Kurse unter dem Titel „Lesen und Schreiben lernen“ wenden sich dabei an Teilnehmende, die entweder überhaupt nicht lesen und schreiben können, oder an Menschen, die lesen, aber nicht gut schreiben können oder große Rechtschreibprobleme haben. Im Kurs „Rechnen im Alltag“ geht es um Situationen, in denen im Alltag einfache Rechenoperationen angewendet werden müssen, etwa an der Supermarktkasse oder bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Der Kurs „Englisch ganz einfach“ wendet sich an Teilnehmende, die noch nie eine Fremdsprache gelernt haben und mit englischen Begriffen, die heute ständig in unserem Alltag verwendet werden, Schwierigkeiten haben. Ergänzt wird das Lern- und Kursangebot durch sogenannte EDV-Cafés. Es handelt sich dabei um Lerntreffs rund um PC, Laptop, Smartphone, Apps, Web-Seminare, Programme und Internet.

2.1 Ergänzung durch aufsuchende Bildungsarbeit

Gemäß ihrer Satzung unterstützt die Volkshochschule Regionalverband Saarbrücken in besonderem Maße bestimmte Zielgruppen, etwa arbeitsuchende Jugendliche und sogenannte „lernungewohnte Gruppen“. Angebote der Erwachsenenbildung erreichen bestimmte Milieus und Gruppen oft nur in unzureichendem Maße. Die Gründe, warum Menschen Bildungsofferten nicht wahrnehmen, sind vielfältig: Räumliche, soziale, finanzielle, zeitliche, sprachliche oder körperliche Voraussetzungen können mächtige Hindernisse darstellen. Diese aktiv zu überwinden, auf die Menschen zuzugehen und ihnen Angebote in einer Art und Weise zu machen, die es ihnen ermöglicht, sie anzunehmen – das sind die Herausforderungen, denen sich Volkshochschulen in ihrer Arbeit stellen müssen. Inhalte, Ansprache und Methoden, aber auch zeitliche und räumliche Aspekte müssen hierfür fortwährend neu gedacht und auf die Zielgruppen abgestimmt werden.

Die Volkshochschule Regionalverband Saarbrücken hat sich vor mehr als 20 Jahren auf diesen Weg gemacht und die klassische „Komm-Struktur“ durch aufsuchende Bildungsangebote ergänzt – zum Beispiel durch eine individuelle Bildungsberatung in der „Wärmestube“ Saarbrücken oder in den Tafelläden. Es geht darum, Distanzen und Barrieren, die viele Menschen gegenüber Weiterbildungseinrichtungen haben, aktiv zu überbrücken und Nähe herzustellen zu den Sozialräumen, Lebenswelten und Milieus.

2.2 Lernwerkstätten

Konkret kann dies auf unterschiedliche Weise geschehen – etwa durch mobile Angebote, durch die Eröffnung neuer Lernorte und durch eine enge Zusammenarbeit mit Initiativen und Verbänden, die schon eine Nähe zu den adressierten Gruppen haben. Wichtig kann dabei werden, Schlüsselpersonen zu gewinnen, die bei den entsprechenden Adressaten bekannt sind, Vertrauen genießen oder Brücken bauen können. An der Volkshochschule Regionalverband Saarbrücken gibt es dazu noch weitere Ansätze.

In den Stadtteilbüros der Gemeinwesenarbeit beispielsweise hat die Volkshochschule vor einigen Jahren mit sogenannten „Lernwerkstätten“ Neuland betreten. Das Café „Schniss“ (ein Begriff aus dem saarländischen Dialekt, der den sprechenden Mund meint) in Saarbrücken beispielsweise ist ein VHS-Lernort, der mit einem zweimal wöchentlich stattfindenden offenen Lerntreff ein Grundbildungsangebot für Frauen darstellt. Die Teilnehmerinnen können in ungezwungener Atmosphäre lernen – auch ihre Kinder sind willkommen. Im Kurs werden auch Alltagsfragen besprochen: Was steht in diesem Formular? Wie funktioniert der Zugang zur Videokonferenz am Abend mit der Lehrerin meines Sohnes? Wie übertrage ich den QR-Code meines Impfnachweises auf mein Smartphone?

2.3 Kurs zum Nachholen des Hauptschulabschlusses

Die Volkshochschule Regionalverband Saarbrücken bietet seit 1967 jedes Jahr erfolgreich einen Kurs zum Nachholen des Hauptschulabschlusses an. Die Teilnehmenden dieses Kurses, der in Abendform über ein Jahr lang stattfindet, haben in ihrer Jugend andere Prioritäten als ihren schulischen Werdegang gesetzt: Viele wollten oder mussten schon früh ihr eigenes Geld verdienen und sind ohne Schulabschluss und Ausbildung ins Erwerbsleben gegangen, beispielsweise als Hilfskräfte im Baugewerbe oder in der Pflege. Nun möchten sie als Erwachsene eine Ausbildung beginnen, wofür sie zunächst einen Hauptschulschluss benötigen.

Die Kurse finden in Teilzeit statt. Durch die Unterrichtszeiten, die sich auf den Abend beschränken, sind sie insbesondere für Berufstätige attraktiv. Der Kursort, die Gemeinschaftsschule Bruchwiese, liegt zentral in Saarbrücken und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut zu erreichen. Die Gesamtkosten für den knapp einjährigen Kurs belaufen sich auf 300 Euro, ermäßigt sogar auf nur 150 Euro. Über die Jahre haben auf diesem Weg bereits über 900 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfolgreich ihren Abschluss nachgeholt. Im Jahr 2020 wurden die Absolventinnen und Absolventen des Kurses erstmals in einer kleinen Feierstunde geehrt, denn es war der Volkshochschule wichtig, ihren Respekt vor der Leistung dieser Teilnehmenden, viele von ihnen mit tief verinnerlichten negativen Schulerfahrungen, auch nach außen hin sichtbar zu machen: Innerhalb nur eines Jahres wird hier das Wissen von regulär neun Jahren Schulbildung erworben.

2.4 Wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Lernen in der Grundbildung: geschützte Lernorte

Gerade im Programmbereich Grundbildung ist es ein über Jahrzehnte gewachsener Erfahrungswert, dass Erwachsene, die Lesen und Schreiben lernen oder andere, etwa digitale Grundbildungskompetenzen aufbauen möchten, einen geschützten Raum benötigen. Angesichts dessen hat die Volkshochschule Regionalverband Saarbrücken ihr Grundbildungszentrum nicht in ihrem Stammsitz im Alten Rathaus am Saarbrücker Schlossplatz angesiedelt, sondern in der Innenstadt in einem sehr belebten Geschäfts- und Bürogebäude – an einer Verkehrsachse, die eine optimale Anbindung an den ÖPNV hat.

Die hauptamtlichen Pädagogischen Mitarbeitenden und Dozierenden im Programmbereich Grundbildung legen in ihrer methodisch-didaktischen Herangehensweise im Kursalltag besonderen Wert darauf, dass ihre Kurse als soziale Orte wahrgenommen werden, an denen Lernen Spaß macht und die man ohne Zwang besuchen darf. Leider haben gerade Teilnehmende im Bereich der Grundbildung negative Bildungserfahrungen gemacht und früh soziale Ausgrenzung insbesondere in der Institution Schule erfahren. Die Volkshochschule will hier gegensteuern und ein gutes Lernklima vorhalten, eine angenehme Arbeits- und Gruppenatmosphäre verbreiten, die bei den Lernenden positiv besetzt wird.

3 „Wissen für den Alltag“: ein subjektbezogenes Grundbildungskonzept der VHS Merzig-Wadern

Als geschützte und gleichermaßen soziale Lernorte dürfen auch die Kurse der Reihe „Wissen für den Alltag“ bezeichnet werden, die die Volkshochschule im Landkreis Merzig-Wadern seit 2019 mit großer Resonanz anbietet. Es handelt sich um kostenlose Angebote in Kooperation mit dem saarländischen Bildungsministerium, die allen Bürgern des Landkreises offenstehen. Die Themen entsprechen auch hier einem holistischen Begriff von Grundbildung: Neben Rechtschreibung und Grammatik werden Alltagsmathematik, das Management der eigenen Finanzen, Konzentrationsübungen oder auch die Kommunikation mit Ämtern und Behörden behandelt. Auch gemeinsame Wanderungen durch die saarländische Heimat werden angeboten – teilweise mit Einladung und Anleitung zum Fotografieren von Landschaft und Kultur. Es gibt zudem ein betreutes VHS-Internetcafé, um Menschen, die nicht über die nötige technische Ausstattung verfügen, an die Digitalisierung heranzuführen.

3.1 Niederschwelligkeit und soziale Wärme sind Schlüsselaspekte

Die im Wochenrhythmus angebotenen Kurse werden dabei nicht als klassische „Schulstunden“ konzipiert, sondern als ganzheitliche, niederschwellige und damit zwanglose Bildungsangebote, die gleichzeitig als sozialer Treffpunkt dienen. Es besteht keine Anmeldepflicht zu den Veranstaltungen, auch eine anonyme Teilnahme ist möglich. Zu jedem Termin wird ein neues, abgeschlossenes Thema behandelt – die Veranstaltungen bauen nicht aufeinander auf. So können Teilnehmende jederzeit einsteigen oder pausieren, es entsteht kein Stress durch etwaigen Verpflichtungsdruck.

Jedes der Angebote erfüllt eine bestimmte Zielsetzung im Kontext der gesamten Angebotsreihe: So zielen die Kurse neben den vermittelten Bildungsinhalten insbesondere darauf ab, Vertrauen zwischen Lehrkraft und Teilnehmenden aufzubauen, Teilnehmende dauerhaft zu binden, soziale Netzwerke unter den Teilnehmenden zu etablieren oder individuelle Erfolgserlebnisse für die Teilnehmenden zu generieren. Dieser Fokus auf soziale und emotionale Festigung hat sich als außerordentlich effektiv erwiesen: Obwohl es sich bei „Wissen für den Alltag“ nicht um ein Kurssystem handelt und die Teilnahme explizit freiwillig ist, partizipieren die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer regelmäßig, viele sogar mehrmals wöchentlich an den Veranstaltungen. Einige bezeichnen die VHS Merzig in diesem Kontext gar als ihr „zweites Wohnzimmer“.

3.2 Öffentlichkeitsarbeit für Grundbildungsangebote

Ein entscheidender Erfolgsfaktor für subjektgetriebene Grundbildungsangebote sind geeignete Marketingstrategien, ausgehend von einem adäquaten Branding: Der Begriff „Grundbildung“ ist in der Praxis ungeeignet, um die Zielgruppe zu erreichen – er birgt kein Identifikationspotenzial, wirkt im Gegenteil stigmatisierend und ist daher für die subjektbezogene Öffentlichkeitsarbeit kontraproduktiv.

Mit dem unprätentiösen übergeordneten Titel „Wissen für den Alltag“ ist es der VHS Merzig-Wadern innerhalb kurzer Zeit gelungen, viele Interessenten für die darunter subsumierten Kursreihen zu gewinnen. Diese werden terminologisch ebenfalls nah an der Zielgruppe und deren Lebenswirklichkeit kommuniziert – mit Fokus auf dem konkreten Nutzen, den das Angebot den Teilnehmenden verspricht. So tragen die Angebote aus der Reihe „Wissen für den Alltag“ alltagsnahe Subtitel wie „Sich besser konzentrieren und mehr auf die Reihe kriegen“ oder „Mit Ämtern und Behörden klarkommen“.

3.3 Lehrende als Bezugspersonen der Grundbildung

Für die Zielgruppe, die die Volkshochschule im Landkreis Merzig-Wadern erreichen will, ist es häufig problematisch, soziale Kontakte zu knüpfen. Es ist eine große Herausforderung für die VHS als Institution, das Vertrauen dieser Klientel nachhaltig zu gewinnen. Daher kommt Dozierenden in diesem Kontext eine eminent wichtige Rolle zu.

Die Erfahrung zeigt, dass Lernprozesse erst dann nachhaltig beeinflusst werden können, wenn der Dozent oder die Dozentin das Vertrauen der Teilnehmenden gewonnen hat und als wichtiger und konstanter sozialer Kontakt angesehen wird. Es ist daher von entscheidender Relevanz, dass sich Dozierende nicht ausschließlich auf die Wissensvermittlung fokussieren, sondern auch sozialen Herausforderungen adäquat begegnen. Es muss Kursleiterinnen und Kursleitern gelingen, individuelle Probleme zu erkennen, sie zu lösen, das Selbstwertgefühl der Teilnehmenden zu stärken und so Lernbarrieren nachhaltig abzubauen. Kursleitende müssen dafür nicht obligatorisch über eine sozialpädagogische Ausbildung verfügen – allerdings über ein hohes Maß an Empathie.

3.4 Grundbildung in pandemischen Zeiten

Die Corona-Krise stellte auch im Kontext der Grundbildung eine große Herausforderung dar. Während der Kontaktbeschränkungen war auch die Volkshochschule Merzig-Wadern für den Publikumsverkehr geschlossen. Das für viele Menschen inzwischen für die individuelle Lebensführung relevant gewordene Angebot konnte auch und gerade unter pandemischen Umständen aufrechterhalten werden: nicht in Präsenzveranstaltungen, sondern einer Art Fernunterricht. Dies geschah allerdings über andere Kanäle und mit einfacheren Werkzeugen als in der digitalen Welt zu dieser Zeit üblich – mithilfe „klassischer“ Telefonkonferenzen.

Die „Telefon-Treffs“ stießen bei der Zielgruppe auf positive Resonanz. Sie ermöglichten den Teilnehmenden einen regelmäßigen Austausch mit Vertrauten und erwiesen sich als effektives Mittel gegen Vereinsamung in Zeiten von Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen. Thematisch standen während dieser Zeit insbesondere die jeweils individuelle Bewältigung der Pandemie und die Teilhabe an der Digitalisierung im Mittelpunkt, aber auch das – noch achtsamere – Management der eigenen Finanzen vor dem Hintergrund zusätzlicher Belastungen durch Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Güterverknappung.

4 Zukunft der Grundbildung

Die Erfahrung der letzten Jahre unseres Engagements innerhalb der Grundbildung hat uns gelehrt, dass Bildungsträger nicht dauerhaft in temporär erfolgreichen Konzepten zur Umsetzung von Grundbildungsmaßnahmen verharren sollten. Um ihre Zielgruppen erfolgreich anzusprechen und dauerhaft zu binden, sollten Angebote der Grundbildung konsequent an den Entwicklungen und Anforderungen der jeweiligen Gegenwart und insbesondere den sich in ihr stetig wandelnden Ansprüchen der Teilnehmenden ausgerichtet werden. Das Subjekt mit seinen ganz eigenen, individuellen Bedürfnissen rückt damit immer mehr in den Fokus. Gleichzeitig müssen – gewissermaßen als Konstante der Grundbildungsarbeit – soziale Aspekte, die das lernende Subjekt im Kontext der lernenden Gruppe adressieren, im Blick behalten werden. Erfolgreiche Angebote müssen also mehr schaffen als nur „Wissen“ oder „Grundbildung“ – sondern nicht weniger als ein soziales Netzwerk, mentale Anker und emotionale Stabilität, die eine unerlässliche Voraussetzung für erfolgreiches Lernen sind.

Autorinnen

Dr. phil. Carolin Lehberger, Dipl.-Päd., Direktorin der Volkshochschule Regionalverband Saarbrücken.

Ulrike Heidenreich, Dipl.-Kauffrau, Leiterin der Volkshochschule im Landkreis Merzig-Wadern e. V.

Carina Hilt, Germanistin, freie Pressereferentin an der Volkshochschule im Landkreis Merzig-Wadern e. V.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch die Redaktionskonferenz am 5. Mai 2022 zur Veröffentlichung angenommen.

This article was accepted for publication following the editorial meeting on the 5th of May 2022.