Weiterbildungsberatung im Kontext der Nationalen Weiterbildungsstrategie

1 Einleitung

In der Nationalen Weiterbildungsstrategie (NWS) stellt die Weiterbildungsberatung unter dem Titel „Lebensbegleitende Weiterbildungsberatung flächendeckend vernetzen und Qualifizierungsberatung stärken“ eines unter zehn Handlungsfeldern dar. Interessant ist, dass – u. a. auf einer der ersten größeren Tagungen zur NWS von Seiten des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales – betont wurde, dass damit in Deutschland zum ersten Mal eine nationale Weiterbildungsstrategie aufgelegt worden sei. Als jemand, der schon etwas länger in diesem Feld aktiv ist, hat mich diese Einschätzung schon sehr erstaunt. In Erinnerung zu rufen sind vor allem die vom Bundesminister für Bildung und Wissenschaft Klaus Möllemann 1987 initiierte Konzertierte Aktion Weiterbildung (KAW) sowie der von der Bundesbildungsministerin Annette Schavan eingerichtete Innovationskreis Weiterbildung (IKWB), der 2008 seine Empfehlungen vorgelegt hat. Während die ersten beiden Initiativen unter Federführung der Bundesbildungsministerien liefen, handelt es sich bei der NWS um eine Kooperation des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) unter Einbezug der Bundesländer, der Wirtschaft, der Gewerkschaften und der Bundesagentur für Arbeit. Die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure in die Strategieentwicklung ist durchaus positiv zu sehen, allerdings wurde der Fokus auf die berufliche Weiterbildung reduziert, trotz dieser breiteren Basis und trotz des Einbezugs der Länder, die ja für die allgemeine und politische Weiterbildung zuständig sind. Die beiden früheren Initiativen orientierten sich an einem breiteren Verständnis von allgemeiner, politischer und beruflicher Weiterbildung.

Die Arbeit der KAW liegt nun schon recht lange zurück und die Bildungsberatung wurde dort erst spät zu einem relevanten Thema. Aber es lohnt sich, die Empfehlungen des IKWB und der NWS im Hinblick auf das Thema (Weiter-)Bildungsberatung – auch unter finanziellen Aspekten – zu analysieren und zu vergleichen. Im IKWB widmete sich in einem von vier Arbeitskreisen dem Thema Bildungsberatung. In der NWS wurde die Weiterbildungsberatung zusätzlich zu der Arbeit in dem Handlungsfeld 3 in einem von vier Themenlaboren vertiefend diskutiert. Dies alles zeigt erfreulicherweise, dass die Beratung als relevantes Thema in der Weiterbildungspolitik angekommen ist.

Im Folgenden wird in einem ersten Abschnitt ein knapper Überblick über die aktuelle, auch finanzielle Basis der Weiterbildungsberatung gegeben. Vor diesem Hintergrund werden die politischen Empfehlungen des IKWB und der NWS unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet, die für die strukturelle Entwicklung der Weiterbildungsberatung von entscheidender Bedeutung sind.

2 Zur Situation in der Weiterbildungsberatung

Beratung im Kontext lebenslangen Lernens hat in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Dies resultiert vor allem aus gesellschaftlichen Veränderungsprozessen und deren Auswirkungen auf die individuelle Gestaltung von Lebensläufen. Entwicklungen wie Digitalisierung, Multikulturalität, Fachkräftemangel oder subjektive Ansprüche an Erwerbsarbeit gehen einher mit der tendenziellen Freisetzung der Individuen aus tradierten Zwängen. Diese Situation eröffnet neue Chancen für die persönliche Lebensgestaltung, produziert jedoch zugleich in hohem Maße Ambivalenzen und Unsicherheiten und führt zur Unvorhersehbarkeit von Lebensverläufen. Heute enthalten Bildungs- und Erwerbsbiografien viel mehr Schleifen, Brüche, Umwege, Aufstiege, aber auch Abstiege oder erforderliche Neuorientierungen. Sie werden komplexer. Daraus ergibt sich die Anforderung an die Subjekte, eine eigene, möglichst flexible Bildungs- und Berufsbiografie zu entwerfen und umzusetzen. Dabei wird den Individuen die Verantwortung für den Erfolg sowie für das Scheitern zugewiesen (vgl. Ribolits 2008). Aus dieser Situation resultiert ein erhöhter Bedarf an professioneller Beratung als Orientierungs-, Reflexions-, Entscheidungs- und Planungshilfe zur Bewältigung der skizzierten Herausforderungen. So zeigen auch die neuesten Daten des Adult Education Service (vgl. BMBF 2021, S. 71 ff.) eine sehr deutliche Zunahme des Bedarfs an Information und Beratung im Kontext von Weiterbildung, auch wenn dieser Zuwachs teilweise auf die Coronaepidemie zurückzuführen sein dürfte, während der verstärkt über Weiterbildungsmöglichkeiten nachgedacht wurde.

Insbesondere aufgrund europäischer Initiativen, die sich u. a. in zwei Empfehlungen zur Beratung im Kontext lebenslangen Lernens niedergeschlagen haben (vgl. Rat der Europäischen Union 2004; 2008) und auch in Deutschland verbreitet aufgegriffen wurden, wird als Teilfeld von Beratung i. d. R. Beratung im Kontext lebenslangen Lernens fokussiert. Dies reicht von der Kurswahlberatung in Schulen über die Berufsberatung oder Studienberatung, Beratung während der Berufstätigkeit oder beim Wiedereinstieg bis zur Weiterbildungsberatung. Es hat insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten viele Initiativen und Projekte zur Förderung von Beratung im Kontext lebenslangen Lernens auf unterschiedlichen politischen Ebenen – der europäischen und internationalen, der Bundes- und Länderebene bis zu den Kommunen gegeben (Näheres dazu siehe Schiersmann 2021). Gleichwohl kann die jetzige Situation des Ausbaus, der Finanzierung, der Qualität und Professionalität von Beratung im Kontext lebenslangen Lernens u. a. aufgrund der Befristung dieser Projekte noch keineswegs als zufriedenstellend angesehen werden. Auch wenn dazu keine belastbaren Zahlen vorliegen, so ist dennoch davon auszugehen, dass erhebliche regionale Disparitäten bestehen. Die Erfahrungen zeigen, dass das Beratungsangebot in ländlichen Regionen deutlich spärlicher ausfällt und schlechter erreichbar ist als in Großstädten.

Das Spektrum der Beratungsanbieter im Kontext lebenslangen Lernens und insbesondere der Weiterbildungsberatung ist sehr heterogen. Es reicht u. a. von den Agenturen für Arbeit über Industrie- und Handels- bzw. Handwerkskammern, eigenständigen Beratungsstellen bei Weiterbildungseinrichtungen bis zu kommunalen Anbietern und Betrieben.

So ist es nicht verwunderlich, dass es auch keine einheitliche Finanzierungsbasis für die Weiterbildungsberatung gibt. Für die Ratsuchenden ist die Inanspruchnahme von Beratung in diesem Bereich i. d. R. kostenfrei (mit Ausnahme von speziellen Coaching-Angeboten, die hier jedoch nicht im Fokus stehen). Die Angebote der Agenturen für Arbeit werden im Wesentlichen von der Sozialversicherung mitfinanziert. Die Industrie- und Handels- bzw. Handwerkskammern finanzieren ihre Aufgaben und damit auch Beratungsangebote im Wesentlichen aus Mitgliedsbeiträgen der Unternehmen. Großbetriebe finanzieren Beratungsangebote für ihre Beschäftigten im Rahmen der Personalentwicklung selbst. Klein- und Mittelbetriebe greifen z. T. auf Angebote zur Qualifizierungsberatung zurück. Diese wird von der Bundesagentur für Arbeit m. W. kostenlos angeboten, bei der Inanspruchnahme spezieller Anbieter (z. B. von Wirtschaftsverbänden) dürfte die Finanzierung davon abhängen, ob dieses Angebot im Rahmen eines öffentlich finanzierten Projektes erbracht wird oder auf kommerzieller Basis. Viele Beratungsstellen auf kommunaler Ebene – so auch bei Weiterbildungseinrichtungen angesiedelte – sind im Rahmen von Modellprojekten entstanden und finanziert worden. Häufig wurde dann durch die Kommunen oder Länder keine weitere, kontinuierliche Finanzierung bereitgestellt. Die Befristung von Modellprojekten zur Beratung führt damit zu einer Stop-and-go-Politik.

In den Empfehlungen des IKWB von 2008 wurde vor dem Hintergrund dieses Flickenteppichs gefordert, Bildungsberatung, inklusive Berufsberatung „auf eine einheitliche, staatliche Finanzierungsgrundlage zu stellen.“ (BMBF 2008, S. 18) Demgegenüber wird die Finanzierungsfrage von (Weiter-)Bildungsberatung im Rahmen der NWS weder im Strategiepapier noch im Umsetzungsbericht thematisiert. Die Klärung von Finanzierungsgrundlagen stellt jedoch eine Basis für die Verstetigung und die notwendige Weiterentwicklung von Weiterbildungsberatung dar.

3 Strategien zur Optimierung der Beratungsangebote und -strukturen

3.1 Vernetzung der Beratungsanbieter und Ausbau der Beratungsangebote

Die NWS weist einer Strategie zur besseren Vernetzung der Weiterbildungsanbieter einen zentralen Stellenwert für die Zukunft der Weiterbildungsberatung zu. Sie verfolgt laut Strategiepapier von 2019 das Ziel, „bestehende Beratungsangebote, insbesondere von Bund, Ländern, Kammern, Verbänden und Bildungswerken, zu einer flächendeckenden, qualitativ hochwertigen lebensbegleitenden Beratungsstruktur auszubauen und zu vernetzen“ (BMAS & BMBF 2019, S. 10). Dabei fällt auf, dass Beratungsangebote von Kommunen oder von Stellen, die an Weiterbildungseinrichtungen (z. B. Volkshochschulen) angegliedert sind, keine Erwähnung finden. In dem Strategiepapier werden vor allem Prüfaufträge für unterschiedliche Akteure benannt, z. B. sollen die Länder und die Bundesagentur prüfen, wie die Qualifizierungsberatung für Unternehmen und die Bildungsberatung der Länder besser vernetzt werden können, oder das BMBF soll Möglichkeiten prüfen, das Infotelefon „Weiterbildungsberatung“ „zu einem bundesweiten telefonischen Beratungsservice für lebensbegleitendes Lernen und Weiterbildung auszubauen“ (ebd., S. 11). Der Umsetzungsbericht der NWS vom Juni 2021 (BMAS & BMBF 2021b, S. 30 f.) benennt dann nur noch die stärkere regionale Vernetzung von Weiterbildungsberatung. Vom Ausbau ist nicht mehr die Rede.

Eine stärkere Kooperation und Vernetzung ist sicher ein erstrebenswertes und notwendiges Ziel zur Optimierung der (Weiter-)Bildungsberatung. Allerdings wurde dies auch schon in den Empfehlungen des IKWB von 2008 gefordert: „Die Beratungsangebote unterschiedlicher Akteure sind besser aufeinander abzustimmen“ (BMBF 2008, S. 17). Erledigt hat sich diese Frage in der Zwischenzeit sicher nicht. Es wäre aber sinnvoll gewesen, die bisherigen Erfahrungen mit Kooperation systematisch auszuwerten, um so die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Strategien zu identifizieren. Zwar leistet die von der NWS in Auftrag gegebene Expertise der OECD (vgl. 2021) hierzu einen kleinen Beitrag. Deren Ergebnisse sind aber offenbar nicht mehr in den Umsetzungsbericht eingeflossen und ersetzen keine detaillierte wissenschaftsbasierte Auswertung der Erfahrungen. Gleichwohl ist interessant, dass der OECD-Bericht drei unterschiedliche Vernetzungsstrategien identifiziert (vgl. ebd., S. 83 f.):

  1. Eine Strategie besteht darin, dass sich die Anbieter von Weiterbildungsberatung vernetzen. Dies gilt z. B. für Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.
  2. Andere Länder haben eine Agentur etabliert, über die der Zugang zu Beratungsangeboten erfolgt. Dies gilt z. B. für Stadtstaaten wie Berlin oder Hamburg, aber auch für Mecklenburg-Vorpommern sowie Brandenburg.
  3. Eine dritte Strategie konzentriert sich auf die Bereitstellung einer Plattform, die Informationen über vorhandene Beratungsangebote enthält. Dies gilt z. B. für Bayern und Rheinland-Pfalz.

Irritierend ist vor dem Hintergrund dieser Vielfalt bereits bestehender Vernetzungsstrukturen, dass im Umsetzungsbericht eine Federführung der Bundesagentur für Arbeit in Zusammenarbeit mit den Bundesländern nahegelegt wird. Diese Akteure haben laut Umsetzungsbericht eine Bestandsaufnahme regionaler Kooperationen angestoßen. Darauf aufbauend sollen ggf. Empfehlungen für regionale Aktivitäten entwickelt und wo nötig die Kooperation ausgebaut werden (vgl. BMAS & BMBF 2021b, S. 31).

Im Themenlabor zu den Beratungsstrukturen in der Weiterbildung wurden für die Vernetzung „Gelingensbedingungen“ formuliert (BMAS & BMBF 2021a, S. 48). In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass das BMBF zwei große Projekte finanziert hat, die genau dieses Ziel verfolgten: Das Programm „Lernende Region – Förderung von Netzwerken“ (2001–2007) und „Lernen vor Ort“ (2009–2014). In diesem Kontext wurden u. a. drei Geschäftsmodelle für Kooperationen entwickelt und ebenfalls Vernetzungsschritte herausgearbeitet (vgl. Gieseke & Pohlmann 2016). Ist das alles vergessen?

Die Einführung der Lebensbegleitenden Berufsberatung (LBB) bei der Bundesagentur für Arbeit wird in der NWS im Kontext der Vernetzungsstrategie als ein Meilenstein bezeichnet, um ein flächendeckendes Beratungsangebot auch für beschäftigte Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen (vgl. BMAS & BMBF 2021b, S. 31). Dazu ist anzumerken, dass bislang noch nicht wirklich klar ist, wie schnell und in welchem Umfang dieser Ausbau erfolgen wird. Zudem ist zu bedenken zu geben, dass laut dem Adult Education Survey die Zufriedenheit der Ratsuchenden bei einer Beratung durch die Arbeitsagenturen und Jobcenter mit 69 % deutlich niedriger ausfällt als bei anderen Beratungsanbietern (vgl. Käpplinger et al. 2017, S. 261). Dies hat sicher damit zu tun, dass diese Beratungen bislang nicht immer freiwillig sind und mit Sanktionen verbunden sein können. Eine deutliche Veränderung der Beratungskultur wäre eine wichtige Voraussetzung für eine bessere Akzeptanz. Unabhängig davon sollte eine Vernetzung der örtlichen Arbeitsagenturen mit den übrigen lokalen Beratungsanbietern auf Augenhöhe und nicht unter Federführung der BA erfolgen. In diesem Kontext sollte zudem sichergestellt werden, dass durch den Ausbau des Angebots der Bundesagentur für Arbeit andere etablierte Beratungsanbieter nicht zurückgedrängt werden. Auch in Zukunft muss gewährleistet sein, dass Ratsuchende reale, wohnortnahe Wahlmöglichkeiten in Bezug auf Beratungsanbieter haben.

Selbst wenn es „nur“ um eine professionelle Vernetzung vorhandener Akteure geht, werden für ein dazu notwendiges professionelles Netzwerkmanagement zusätzliche finanzielle und personelle Ressourcen erforderlich sein. Dies haben u. a. die Modellprojekte „Lernende Region“ und „Lernen vor Ort“ gezeigt.

3.2 Qualifizierungsberatung für Klein- und Mittelbetriebe

Neben der Vernetzungsstrategie wird im Umsetzungsbericht zur NWS die Stärkung der Qualifizierungsberatung hervorgehoben. Auch im Hinblick auf die Qualifizierungsberatung, d. h. die Beratung insbesondere von Klein- und Mittelbetrieben, wird auf die Bundesagentur für Arbeit verwiesen, und zwar auf deren Arbeitgeber-Service. Die Forderung, Bildungsberatungsangebote für kleine und mittlere Unternehmen auszubauen, fand sich ebenfalls schon in den Empfehlungen des IKWB (vgl. BMBF 2008, S. 18). Es gibt dazu verschiedene Initiativen und Projekte, vor allem bei Kammern und Wirtschaftsverbänden auch jenseits der Bundesagentur für Arbeit. Es fehlt jedoch an einer kohärenten Strategie, um verlässliche Strukturen für dieses Beratungsformat zu schaffen und das tendenzielle Professionalisierungsdefizit (vgl. Düsseldorff & Fischell 2018) zu beheben. In diesem Bereich sind die Finanzierungsfragen unklar, jedenfalls nicht transparent.

3.3 Niedrigschwelliger Zugang zu Beratungsangeboten

Erst im Ausblick des Umsetzungsberichts wird die Notwendigkeit erwähnt, niedrigschwellige Zugänge zur Beratung insbesondere für Personen mit geringer Weiterbildungsbeteiligung zu verbessern. In diesem Kontext wird der Onlineberatung eine wichtige Funktion zugesprochen, wobei auch Forschungs- und Entwicklungsbedarf für dieses Beratungssetting konstatiert wird (vgl. BMAS & BMBF 2021a, S. 33). Die Forderung nach einem Ausbau niedrigschwelliger oder aufsuchender Beratung wird in der Fachdiskussion schon lange erhoben. Über einzelne Modellvorhaben, z. B. die Lernläden in Berlin (vgl. Kühnapfel 2016), ist die Entwicklung aber nicht hinausgekommen, vermutlich insbesondere aufgrund der i. d. R. deutlich höheren Kosten derartiger Angebote. Ob hier allein vergleichsweise kostengünstige Onlineangebote eine Problemlösung versprechen, muss erst noch untersucht werden und darf infrage gestellt werden. Zum einen wären hierfür erst einmal größere finanzielle Investitionen in eine entsprechende technische Infrastruktur sowie der Ausbau digitaler Kompetenzen sowohl bei Ratsuchenden als auch bei Beratenden erforderlich. Wichtig sind in dem Kontext zudem konzeptionelle und didaktische Fragen in Bezug auf die Ausgestaltung von Onlineberatungsangeboten und auch Datenschutzfragen (vgl. u. a. nfb 2021). Zum anderen stellt sich die Frage, ob ein Onlineangebot die persönliche Beratung vor Ort ersetzen kann. Je nach Zielgruppe und Beratungsgegenstand dürfte diese Antwort unterschiedlich ausfallen. Eine Verknüpfung verschiedener Beratungssettings im Sinne eines blended counseling erscheint einstweilen als eine angemessene Zielperspektive.

3.4 Professionalisierung und Qualität

Als weitere wichtige Punkte wurden in den Empfehlungen des IKWB Fragen der Qualitätsentwicklung und der Professionalisierung des Personals angesprochen (vgl. BMBF 2008, S. 19). Diese Aspekte fehlen in der NWS. In den Empfehlungen des IKWB wurden transparente und verständliche Qualitätsmanagementsysteme als Entscheidungshilfe für die Ratsuchenden gefordert, außerdem die Prüfung der Entwicklung eines eigenen Berufsprofils für die Bildungsberatung und kurzfristig eine Orientierung an Basiskompetenzen. Im Hinblick auf die Qualität und Professionalität sind seit den Empfehlungen des IKWB wichtige Ansätze entwickelt worden. Als Beispiele seien die BeQu-Projekte zur Beratungsqualität (vgl. nfb & Forschungsgruppe Beratungsqualität am Institut für Bildungswissenschaft der Ruprecht-Karls-Universität 2014) oder die kundenorientierte Qualitätstestierung für Beratungsorganisationen als Variante der lernerorientierten Qualitätstestierung (vgl. Zech 2009) genannt. Diese Ansätze scheinen von der NWS nicht rezipiert worden zu sein. Die Umsetzung der Ergebnisse dieser Projekte in die Praxis ist durchaus als ausbaufähig zu beschreiben. Sie ist aber zentral für eine weitere Professionalisierung dieses Feldes.

Auch wenn der Einsatz von Qualitätsinstrumenten heute für Organisationen, d. h. auch für Beratungsorganisationen, eigentlich selbstverständlich sein sollte, so ist doch zu beachten, dass viele kleine Beratungsanbieter aufgrund des geringen Personalumfangs und häufig fragiler Finanzierungsgrundlagen zumindest (finanzielle) Unterstützung benötigen, um umfassende Qualitätsmanagementkonzepte umzusetzen.

Weiterbildung ist für Beratende von besonderer Bedeutung, denn es handelt sich in vielen Fällen um Quereinsteiger, die zwar i. d. R. über eine Hochschulausbildung verfügen, aber nicht über formale Beratungszertifikate (vgl. Schiersmann et al. 2015, S. 26–30). Sie können für die Inanspruchnahme von Weiterbildung lediglich auf allgemeine Förderangebote wie Bildungsgutscheine oder Bildungsschecks zurückgreifen oder auf eine finanzielle Unterstützung ihrer Beratungsorganisation hoffen. Die Erfahrungen zeigen, dass marktgerechte Preise die Inanspruchnahme von Weiterbildung erschweren oder verhindern.

3.5 Forschung

Es fällt auf, dass der projektbegleitenden Evaluationsforschung sowie grundlegenden Forschung im Rahmen der NWS und damit auch für das Handlungsfeld der Beratung keine größere Bedeutung zugewiesen wird. Die Begleitung des Prozesses erfolgte ausschließlich durch die OECD, d. h. einer politischen Organisation – wenngleich mit wissenschaftlicher Expertise. Weder werden vorliegende, umfassende Evaluationsstudien z. B. im Rahmen der Projekte „Lernende Region“ bzw. „Lernen vor Ort“ ausgewertet, noch wird der Ausbau von eigenständiger Grundlagen- und Anwendungsforschung gefordert. Eine umfassende Forschung zur Weiterbildungsberatung wäre aber dringend geboten, da es viele Blackboxes gibt, sowohl was die Inputfaktoren von Beratung betrifft (wie Ausstattung, Personal), den Beratungsprozess im engeren Sinne als auch Fragen des Outputs bzw. der Wirkung von Beratung (vgl. Schiersmann 2018). Auch hier geht es um Finanzierungsmöglichkeiten, um diese Forschung durchführen zu können.

In diesem Zusammenhang ist auch der Aufbau eines Monitoring-Systems für Beratung als dringlich hervorzuheben (vgl. Schober & Käpplinger 2017), um über eine bessere Datengrundlage zur Weiterbildungsberatung – auch für politische Entscheidungen – zu verfügen.

Hinzu kommt, dass vielen der u. a. vom BMBF aufgelegten Forschungsprogramme offenbar noch immer kein Konzept lebenslangen Lernens zugrunde liegt. Diese beschränken sich überwiegend auf Schule bzw. auf Jugendliche (z. B. Digitalpakt Schule). Auch in diesem Punkt wäre dringlich ein Umdenken erforderlich.

4 Fazit

Der Umsetzungsbericht der NWS nimmt zu vielen zentralen Fragen der Weiterbildungsberatung nicht oder nur in unbefriedigender Weise Stellung. Finanzierungsfragen bleiben komplett ausgeblendet. Bedauerlich ist auch, dass frühere politische Empfehlungen sowie wissenschaftliche Ergebnisse nicht reflektiert wurden. Angesichts der Kurzatmigkeit der Politik entsteht ein wenig der Eindruck, dass das Rad immer wieder neu erfunden wird und dann zudem noch ein kleineres Rad gedreht wird. Dem gilt es entgegenzuwirken, u. a. durch strategisches Handeln der in diesem Feld relevanten Akteure sowie einschlägige Forschung. Es offenbaren sich zentrale Defizite in Bezug auf den Transfer zwischen Wissenschaft und Politik (und zurück).

Im Umsetzungsbericht wird eine konsequente Fortführung der gestarteten Aktivitäten und Austauschprozesse vorgeschlagen (vgl. BMAS & BMBF 2021b, S. 69). Es bleibt zu hoffen, dass diese Perspektive angesichts der Dringlichkeit der Fragen auch eingelöst wird und die neue Bundesregierung die begonnenen Aktivitäten mit viel Engagement und finanziellen Ressourcen fortsetzt und dabei den Blick weitet, z. B. im Hinblick auf die Einbeziehung allgemeiner und politischer Weiterbildung oder das ganze Spektrum der im Kontext von Weiterbildungsberatung noch zu bearbeitenden strukturellen Aspekte.

Literatur

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Autorin

Prof. Dr. Christiane Schiersmann, em. Professorin für Weiterbildung und Beratung an der Universität Heidelberg.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch das Peer-Review und die Redaktionskonferenz am 11.11.2021 zur Veröffentlichung angenommen.

This article was accepted for publication following a qualitative peer review at the editorial meeting on the 11th of November 2021.


Eine Grundlage für diesen Beitrag bildet ein Kommentar zur Nationalen Weiterbildungsstrategie, der im Newsletter 2/21 des Nationalen Forums Weiterbildung (nfb) erschienen ist.