Berichte – Nachruf – Buchvorstellung und Rezension

Service

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (4)

DOI: 10.3278/HBV2104W011

ISSN: 0018–103X    wbv.de/hbv    hessische-blaetter.de

Berichte – Nachruf – Buchvorstellung und Rezension

Berichte

Für eine zukunftsfähige Weiterbildung – Forderungen des Rats der Weiterbildung – KAW zur Bundestagswahl 2021

Rat der Weiterbildung – KW

1 Weiterbildung benötigt eine bundesweite strukturelle Verankerung und angemessene finanzielle Ausstattung ihrer Strukturen und Angebote

In Deutschland wurde Weiterbildung − definiert als Fortsetzung organisierten Lernens nach dem Abschluss einer ersten Bildungslaufbahn − mit der Bildungsreform der 1970er-Jahre als vierte Säule des deutschen Bildungssystems konstituiert. Weiterbildung ist in Deutschland derjenige Bildungsbereich, der die größte Personenzahl erreicht: Nahezu die Hälfte der Bevölkerung im Alter von 18 bis 64 Jahren nimmt an organisierten Formen der Weiterbildung teil.

Trotzdem wird die Weiterbildung als tragende Säule des Bildungssystems nicht entsprechend ihrer gesellschaftlichen Bedeutung sowie ihrer Stellung in der Bildungsbiografie der Menschen ausgestattet. Um eine gleichwertige Säule im Bildungssystem werden zu können, braucht Weiterbildung einen strukturellen Rahmen des Bundes und der Länder, der Zugang, Finanzierung, Teilnahme und Qualität für die Umsetzung ihrer Aufgaben gewährleistet.

Die Sicherung der Weiterbildungslandschaft sowie eine bessere finanzielle Ausstattung der Träger und Einrichtungen der Weiterbildung sind notwendig, um auch weiterhin attraktive und zeitgemäße (digitale) Lernorte zur Verfügung stellen zu können. Ebenso ist eine bessere finanzielle Ausstattung notwendig, um die angemessene Bezahlung der Lehrkräfte umfassend sicherstellen zu können.

Damit der Zugang zu Angeboten der allgemeinen und der beruflichen Weiterbildung weiterhin niedrigschwellig bleiben kann und die gegebenenfalls anfallenden Beträge für die Teilnehmenden stabil bleiben, ist ein besserer finanzieller Rahmen unumgänglich.

Weiterbildung benötigt in Deutschland den gleichen rechtlichen und strukturellen Stellenwert wie die anderen Säulen des Bildungssektors, damit sie den in sie gesetzten Erwartungen entsprechen kann. Alle Bereiche der Weiterbildung müssen als gleichwertig anerkannt werden.

2 Die Nationale Weiterbildungsstrategie (NWS) muss die gesamte Weiterbildung in den Blick nehmen

Die Stärke des Weiterbildungssektors ist seine Vielfalt. Sowohl die Vielfalt der Einrichtungen als auch ihrer Angebote in den unterschiedlichen Bildungsbereichen: Gesellschaftspolitische, kulturelle, berufliche Weiterbildung, aber auch die Angebote zur Gesundheitsbildung stärken das Individuum und die Gesellschaft in ihrer Entwicklung und stellen deshalb keine Freizeitbeschäftigung dar. Die aktuelle pandemische Situation hat gezeigt, dass gesellschaftliche Aufgabenstellungen, wie die digitale Transformation oder die Festigung des demokratischen Systems, nur mithilfe der Weiterbildung bewältigt werden können.

Eine NWS muss alle Bereiche der Weiterbildung einbeziehen und den zu starren Fokus auf die berufliche Verwertbarkeit beenden. Die gleichberechtigte Förderung und Berücksichtigung aller Bildungsbereiche muss Ziel der NWS einer neuen Bundesregierung gemeinsam mit den Bundesländern sein. Deshalb ist der Einbezug der Verbände von Erwachsenenbildung/Weiterbildung dringend geboten. Eine umfassende Bildung ist nicht nur ein Grundrecht jeder und jedes Einzelnen, sondern die Weiterbildung bietet auch örtliche und zeitliche Räume, in denen Menschen zusammenkommen, Meinungen austauschen und gemeinsame Positionen entwickeln können. Der Zusammenhalt einer Gesellschaft kann nur gelingen, wenn Dialogräume gemeinsamen Lernens in den Einrichtungen der Weiterbildung erhalten und gefördert werden.

Menschen müssen am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft mitentscheiden können. Hierfür sind Orientierungskompetenz und das Wissen um Zusammenhänge von entscheidender Bedeutung. Der Ausbau der Weiterbildung, deren selbstverständliche Bestandteile politische und berufliche Bildung sind, kann Menschen dazu befähigen, Hintergründe und Zusammenhänge zu verstehen und so eine an Humanität und Gerechtigkeit orientierte Arbeitswelt und Gesellschaft mitzugestalten.

3 Eine bundesweite digitale Weiterbildungsoffensive ist für die Transformation der Gesellschaft, aber auch eines gesamten Bildungsbereichs, notwendig

Die aktuelle Pandemie hat gezeigt, wie umfassend die Einrichtungen der Weiterbildung auf neue Ausgangsbedingungen reagieren können. Ein flächendeckendes Angebot von digitaler Weiterbildung wurde mit großen Kraftanstrengungen ermöglicht, damit Bildungsbiografien nicht abreißen, um Menschen zweite Chancen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, aber auch, um sie in einer außergewöhnlichen, die gesamte Gesellschaft herausfordernden Situation mit Lernangeboten zu begleiten. Die Vielfalt des Weiterbildungssystems hat hier Stärke und Innovationsfähigkeit bewiesen. Bereits jetzt zeigt sich aber, dass die finanziellen Reserven ausgereizt und die Kräfte des Systems ausgezehrt sind.

Um die Vielfalt der Weiterbildungslandschaft zu erhalten, aber auch, um die digitalen Entwicklungen in diesem Bildungssektor voranzutreiben, ist eine finanziell gut ausgestattete digitale Weiterbildungsoffensive notwendig, die neben einer entsprechenden personellen und strukturellen Ausstattung auch die Weiterbildung von Lehrkräften und Personal der Weiterbildung sowie die Entwicklung innovativer digitaler Lernangebote fördert. Hierzu müssen Bund und Länder bisherige Denk- und Kooperationsverbote überwinden und im Sinne gemeinsamer Wahrnehmung gesamtstaatlicher Verantwortung eine gemeinsame Kraftanstrengung unternehmen, damit eine neue Bundesregierung die entsprechenden Mittel für die Digitalisierung der Weiterbildung zur Verfügung stellt.

Eine Gesellschaft der Vielfalt, die sich durch die Digitalisierung in einem grundlegenden Wandel befindet und deren Zusammenhalt gefährdet ist, benötigt eine zukunftsfeste Weiterbildung. Damit die Einrichtungen der vierten Säule des Bildungssystems diese Herausforderungen bewältigen können, fordern die im Rat der Weiterbildung zusammengeschlossenen Organisationen:

  • eine bundesweite strukturelle Verankerung und angemessene finanzielle Ausstattung der Strukturen und Angebote der Weiterbildung,
  • die Anerkennung aller Bereiche der Weiterbildung als gleichwertig und deren Berücksichtigung in der NWS sowie
  • eine bundesweite digitale Weiterbildungsoffensive.

Tagung Erwachsenenbildung in internationalen Perspektiven: Grenzen und Chancen

Bernd Käpplinger

Vom 15. bis 17. September 2021 fand die digitale Tagung der Sektion Erwachsenenbildung innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft zu dem Thema „Erwachsenenbildung in internationalen Perspektiven: Grenzen und Chancen“ an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr in Hamburg statt. Gastgeberin war im Wesentlichen Prof. Dr. Sabine Schmidt-Lauff mit ihrem Team rund um Jessica Kleinschmidt. Die eigentlich für 2020 geplante Tagung war zuvor pandemiebedingt verschoben worden. An der sehr gut besuchten und nahezu perfekt organisierten Sektionstagung nahmen mehr als 200 Personen teil. Die beiden Keynotes steuerten Prof. Dr. Regina Egetenmeyer (Uni Würzburg) und Prof. Dr. Leona English (St. Francis Xavier University, Kanada) bei. In elf Panels gab es rund 30 anregende und vielfältige Vorträge von Forschenden aus Deutschland und dem Ausland. Neben einem Barcamp wurden auch Vorstandswahlen der Sektion durchgeführt. Dem neuen Vorstand gehören nun fünf Personen an und er ist für zwei Jahre gewählt. Eine Neuerung ist, dass dem Vorstand zwei Personen angehören, die sich noch in wissenschaftlichen Qualifikationsphase befinden.

Nachruf

Die Sektion „Erwachsenenbildung“, Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft,
Prof. Dr. Bernd Käpplinger

Die Ehemaligen
Institut für Erwachsenen-Bildungsforschung, Universität Bremen, Dr. Horst Rippien

Das Department
Weiterbildungsforschung und Bildungstechnologien, Universität für Weiterbildung, Krems, Prof. Dr. Monika Kil

Mit großer Trauer mussten wir erfahren, dass unser langjähriger Kollege und Weggefährte in Forschung und Lehre, Prof. Dr. Erhard Schlutz, am 21. Juli 2021 im Alter von 79 Jahren verstorben ist.

Erhard Schlutz hat sich für die Disziplin Erwachsenenbildung – im Kontext der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und deren Sektion „Erwachsenenbildung“ – als herausragende Persönlichkeit über mehrere Jahrzehnte hinweg kontinuierlich und nachhaltig eingebracht (von 1982 bis 1988 war er erster Sprecher des Sektionsvorstandes „Erwachsenenbildung“). Er hat insgesamt deren Ausbaugrad maßgeblich ausgestaltet und ihre Forschungsthemen wegweisend profiliert (Initiierung und Umsetzung des Forschungsmemorandums Erwachsenen-/Weiterbildung). Besonders für sein wissenschaftliches Handeln ist dabei, dass er aus und mit der Profession und den Forschungsarbeiten seiner Kolleg*innen aus der Erwachsenenbildung Theorie und Empirie wechselseitig aufeinander bezogen hat und auf Kohärenz kritisch und innovativ prüfen konnte. Seine berufliche Erfahrung als Volkshochschulleitung (Direktor der VHS Bremen von 1989 bis 1995) hat ihm dabei immer eine institutionelle Verantwortung für die öffentlich geförderte Erwachsenenbildung bewahrt und aktuelle und zukünftige Herausforderungen aufspüren und annehmen lassen. Die Formulierung dieser Herausforderungen hat er in der Folge uneigennützig in den Diskurs der System- und Professionsentwicklung der Erwachsenenbildung eingebracht („Die Volkshochschule – Bildung in öffentlicher Verantwortung“).

Vor allem für die Forschungsgebiete Didaktik, Programm- und Angebotsentwicklung und eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Lehren und Lernen hat er theoretische Rahmungen hinterlassen, Systembeobachtungen und Datenbestände gebündelt und publiziert. Dafür hat er sowohl geisteswissenschaftliche als auch empirische bildungswissenschaftliche Zugänge unorthodox miteinander kombiniert. An der Universität Bremen im Institut für Erwachsenen-Bildungsforschung hat er über Jahre diese Art von Forschung geradezu zelebriert, koordiniert und gemeinschaftlich geforscht. Er hat den wissenschaftlichen Diskurs gepflegt und ist für jede Studiengangskohorte „Diplom Erziehungswissenschaft/Erwachsenenbildung“ an der Universität Bremen gleichermaßen ein zentraler Ansprechpartner, Betreuer, Inspirationsquelle und forschendes Vorbild gewesen. Dabei hat er sich nie gescheut, auch Unbequemes auszusprechen und kritisch die Grenzen bzw. Entgrenzung des Fachs mit manchen Modeerscheinungen weise kopfschüttelnd zu kommentieren, offen zu diskutieren, zu reflektieren und sich zu positionieren.

Generationen von in der Erwachsenenbildung Tätigen, Forschenden, Lehrenden und Studierenden sind von seinen Vorlesungsskripten, Selbstlernmaterialien, Stu­dienbriefen, Vorträgen, Diskussionen, Moderationen, seiner weitsichtigen Mitwirkung in Auswahlverfahren, Publikationen und sein bedingungsloses Aufmerksamsein bei Forschungsfragen geprägt und waren dabei doch stets aufgefordert, sich selbstständig zu ihrer eigenen wissenschaftlichen Verortung und/oder forschungsgeleiteten Praxis von Erwachsenenbildung zu verhalten.

Vorbildhaft für den wissenschaftlichen Nachwuchs verfolgte er eine Art poppersches Arbeitshandeln: Er rang, prüfte, vergewisserte, reflektierte, verwarf und publizierte mit Bedacht. Diese Eigenschaft war in den auch schon seinerzeit sich beschleunigenden Zeitläuften mit z. T. unkritisch übernommenen Steuerungspraktiken und Legitimationsfiktionen besonders und mutig. Er hat Nachwuchswissenschaftler*innen dabei unterstützt, dem Standardisierungseifer und der Schnelligkeit zu widerstehen und dagegen für sich eine historisch-reflektierte, aufgaben- und fachgerechte Profil- und Professionsentwicklung mit Rückversicherungen und Anregungen aus der erwachsenenbildnerischen Praxis anzustreben, um auch Persönlichkeit und Position in notwendigen Führungs-, Organisations- und vor allem Programmplanungskompetenzen selbstwirksam und systematisch zeigen zu können.

Er hat zahlreichen Akteur*innen der derzeitigen Erwachsenenbildung eine strukturierte und abgesicherte Möglichkeit des Promovierens, Habilitierens und des „Sich-selbst-Entwickelns“ von höchster Qualität gegeben. Gleich drei Juniorprofessuren konnten für die Erwachsenenbildung an der Universität Bremen in seiner Verantwortung erfolgreich und mit großem „Spillovereffekt“ umgesetzt werden.

Neben all diesen Verdiensten in Forschung, Lehre und Studium bleibt er als Persönlichkeit in lebendiger Erinnerung. Persönliche wie fachliche, humorvolle Begegnungen in all den Jahren vor und nach seiner Pensionierung werden uns immer in guter Erinnerung bleiben.

Durch seinen Tod verliert die Erwachsenenbildung einen Forscher, Gestalter, kritischen Geist und sehr sympathischen und herzlichen Menschen mit hintergründigem Humor und verschmitztem, auch eigensinnigem und durchaus provokantem und unbequemem Wesen mit enormer und bewundernswerter, fast schon einschüchternder Schaffenskraft. Es muss uns nun ein Ansporn sein, Werke und Herangehensweisen, die nicht schnell auf Knopfdruck ausgegoogelt sind, trotzdem zu rezipieren und sich ihn in seiner sich rückversichernden, genauen und gebildeten Art weiter als Vorbild und einzigartigen Forschergeist zu nehmen. D. h. auch, ihn in diesen schwierigen Zeiten mit globalen Herausforderungen, in denen Erwachsenenbildung derzeit agiert, in Erinnerung zu behalten und professionelle Ruhe und Weitsicht für die Forschung zu bewahren. Für die Erwachsenenbildung, eingebettet in die Erziehungs­wissenschaft als Leitdisziplin, heißt dies, ihre geisteswissenschaftlichen Wurzeln zu bewahren und gleichzeitig die Herausforderung auszuhalten, die Komplexität empirischen Arbeitens im Wechselverhältnis des „Lehrens und Lernens“ zu analysieren mit Fallverstehen und unermüdlicher Suche nach Evidenz.

Buchvorstellung und Rezension

Benz-Gydat, M., Pabst, A., Petersen, K., Schmidt, K., Schmidt-Lauff, S. & Schreiber-Barsch, S. (Hrsg.) (2019). Erwachsenenbildung als kritische Utopie? Diskussionen um Mündigkeit, Gerechtigkeit und Verantwortung. Frankfurt a. M.: Wochenschau.

Melanie Benz-Gydat

Anlässlich einer Fachtagung, die zum 60. Geburtstag von Christine Zeuner unter dem Motto „Erwachsenenbildung als kritische Utopie? Diskussionen um Mündigkeit, Gerechtigkeit und Verantwortung“ stattfand, ist dieser gleichnamige Sammelband entstanden. In diesem würdigen die Autor*innen Christine Zeuners Handeln in Forschung und Lehre, dessen Fokus das Spannungsfeld zwischen Anpassung an gesellschaftliche und ökonomische Verhältnisse einerseits sowie Widerstand gegenüber jenen Verhältnissen andererseits zur Diskussion gestellt wird.

Um dieses Spannungsfeld sowohl als Individuum als auch als Disziplin der Erwachsenenbildung auszuhalten und mitzugestalten, wird in der Einleitung des Bandes die Entfaltung von Kritik-, Urteils- und Utopiefähigkeit gefordert. Erwachsenenbildung hat laut der Herausgeberinnen die Aufgabe, Menschen zu ermöglichen, an gesellschaftlichen Prozessen zu partizipieren und diese kritisch zu hinterfragen. Dabei sei die Erwachsenenbildung auf Ideen des Utopischen angewiesen, indem Vergangenes und Gegenwärtiges mit Zukunftsentwürfen zu humaneren Gesellschaftsentwürfen verbunden werden.

Oskar Negt führt in das Thema des Bandes ein, indem er eine historische Zusammenschau demokratischer Prinzipien vornimmt, um „Demokratie als Lebensform zu begreifen“ (S. 23), die kritische Utopien enthält. Die Vielfalt utopischer Momente in der Erwachsenenbildung wird sodann in drei Kapiteln diskutiert.

Kapitel 1 zielt auf Utopiemomente im Rahmen politischer Bildung. Katja Petersen und Katja Schmidt zeigen mithilfe von historischen, autobiografischen Erzählungen bzw. Biografien auf, wo utopische Momente in Gesellschafts- und Menschenbildnern enthalten sind, die vom (politischen) Denken der jeweiligen Zeit geprägt sind. Daniela Holzer widmet sich den „Momente[n] politischer Kritik“ (S. 42) und fragt, wie Negation und Utopien für kritisches, politisches Handeln und Denken zusammenspielen können. Jens Korfkamp diskutiert, welche Möglichkeiten das Philosophieren als Diskursmethode in der politischen Bildung darstellen kann. Den Zusammenhang zwischen Milieuzugehörigkeit und Gesellschaftsbildern sowie ihren Bedeutungen für die politische Bildung geht Helmut Bremer in seinem Beitrag nach.

„Lernen – Bildung – Utopie“ wird in Kapitel 2 aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Der Beitrag von Antje Pabst und Melanie Benz-Gydat beschreibt, wie uto­pische Momente im Rahmen von Mündigkeit, Kritikfähigkeit und Emanzipation in der Erwachsenenbildung durch transformative Lernprozesse sowie kritische Bildungsarbeit Eingang finden können. Jana Trumann zeigt anhand einer Studie, wie Utopiewerkstätten Reflexionsprozesse im Hinblick auf Leben und Lernen initiieren können. Dabei unterstützt Erwachsenenbildung als kritisches Korrektiv. Klaus-Peter Hufer setzt sich kritisch mit den gegenwärtigen Ökonomisierungsprozessen auseinander, die sich in der institutionalisierten Erwachsenenbildung zeigen. Damit Bildung nicht „verbetriebswirtschaftlicht“ wird, solle sich die Erwachsenenbildung wieder an ihre emanzipatorischen Wurzeln der Aufklärung erinnern. In ihrem Beitrag nimmt Elke Gruber einen historischen Rückblick in Bezug auf Menschenbilder im Kontext von Bildung und (lebenslangem) Lernen vor. Dem Konzept des lebenslangen Lernens setzt sie emanzipatorisch-aufklärerische, humanistische Ideen entgegen, die das Fundament von zukünftigen Menschenbildern bieten sollten.

Kapitel 3 nähert sich aus einer historisch-internationalen Perspektive dem The­ma Utopie. Dabei rekurrieren Silke Schreiber-Barsch und Sabine Schmidt-Lauff in ihrem Beitrag auf Begrifflichkeiten wie Bürger*innen-Sein, citizenship, policy, die sie mit der Aufgabe der (politischen) Erwachsenenbildung im Sinne einer Kritik,- Urteils- und Utopiefähigkeit verbinden. Elisabeth Meilhammer lotet in ihrem Beitrag die Potenziale und Grenzen einer global citizenship education aus und konstatiert, die „politische Bildung wird um Wege zum globalen Mitbürger ringen müssen“ (S. 160). Michael Schemmann konkretisiert den Citizienship-Ansatz anhand der Umweltbildung und arbeitet heraus, wie insbesondere Volkshochschulen eine aktive demokratische Bürgerschaft unterstützen können.

Das abschließende Wort gehört Christine Zeuner selbst. Sie gibt Einblicke in die bereits seit über 100 Jahren bestehende Antigonish Movement in Kanada und thematisiert, wie „realistische Utopie[n]“ (S. 199), auch mithilfe von Bildungsarbeit, umgesetzt wurden und bis heute andauern.

Reischmann, J. (Hrsg.) (2021). Essential Readings in International and Comparative Adult Education. Augsburg: Ziel.

Bernd Käpplinger

Jost Reischmann legt mit dem Sammelband eine beeindruckende Sammlung vor, die Potenzial für ein Must-have hat für Menschen, die sich in internationalen Kontexten mit Erwachsenenbildung befassen. Auf mehr als 300 Seiten versammelt er zentrale Texte aus mehr als 100 Jahren. Der früheste Text ist von Michael E. Sadler von 1900 und er thematisiert die bis heute wichtige Frage, was man praktisch lernen kann, wenn man sich mit fremden Bildungssystemen befasst. Einer der jüngsten Texte ist von 2012 und in ihm werfen Qi Sun und Elizabeth Erichsen die Frage auf, wie man zwischen der westlichen und östlichen Welt Brücken schlagen kann. Zwischen diesen Polen versammelt sich ein breites, buntes Spektrum an Beiträgen. Viele Texte sind Klassiker und der Wert des Bandes ist nicht zu unterschätzen, weil hier erstmalig in gebündelter Form diese Klassiker zusammengeführt werden. Insofern verdient der Sammelband absolut seinen Namen.

Kritisieren kann man allerdings, dass es zu viele weiße, westliche, englischsprachige Männer sind, die hier versammelt werden mit ihren Schriften. Allerdings thematisiert Reischmann selbst diesen berechtigten Kritikpunkt und seine Reaktion darauf in dem Band selbst ist auch richtig, dass dies schlichtweg ein Spiegelbild davon ist, wie international-vergleichende Weiterbildungsforschung vor Dekaden sichtbar aufgestellt war. Hier bräuchte es quasi über historische Forschung mittlerweile gesonderte Bemühungen, um z. B. wesentliche Beiträge von Frauen oder auch nicht westlichen Ländern sichtbar(er) zu machen. Dies hat sich glücklicherweise mittlerweile gewandelt und im Band wird dies u. a. dadurch sichtbar, dass bei den jüngeren Texten deutlich mehr Frauen als bei den frühen Texten auftauchen. Ein sehr interessanter Beitrag der Serbin Katarina Popovic am Ende des Bandes macht dies auch deutlich. Eine gleichgewichtige Sichtbarkeit ist allerdings auch heute weiterhin Ideal und Realität im internationalen Bereich.

Jost Reischmann steuert am Ende noch eigene Beobachtungen und Perspektiven bei, die auch kritisch reflektieren, was in dem Band versammelt ist und welche Limitierungen zu bedenken sind. Es werden auch Hinweise gegeben, was der aktuelle Stand beim internationalen Vergleich ist und wo gegebenenfalls die Reise in Zukunft hingehen kann. Hier wird auch nichts schöngeredet, sondern durchaus eine kritische Bestandsaufnahme vorgenommen. Berührend sind dabei die Beobachtungen, wie wichtig das Reisen für den internationalen Vergleich ist und welche Rolle Freundschaften im Internationalen für alle Beteiligten gespielt haben. Insofern ist der Beitrag und der ganze Band keine nüchterne, distanzierte Analyse, wie sie in manchen Publikationen heute als implizites Ideal durchschimmern mag, sondern ein engagiertes und menschliches Plädoyer für eine internationale Dimension in der Erwachsenen- und Weiterbildung, die über Wettbewerb und Ländervergleiche à la PISA deutlich hinausweisen. Es wird spannend sein zu verfolgen, wie sich in den nächsten Dekaden dieser Teilbereich der Weiterbildungsforschung und -praxis weiter entwickeln wird.

Die Leistungen der früheren Generationen sollten nicht einschüchtern, wenngleich sie durchaus beeindruckend sind, wie dieser Band aufzeigt, der sehr zur Lektüre vielen Lesenden zu empfehlen ist, wenn man nicht nur an Aktuellem interessiert ist.

Im September 2021 wählten die Mitglieder der Sektion Erwachsenenbildung innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) bei der digitalen Sektionstagung in Hamburg an der Helmut-Schmidt-Universität einen neuen Vorstand. Alter und neuer Vorsitzender ist Prof. Dr. Bernd Käpplinger (Uni Gießen). Seine Vertretungen sind Dr. Malte Ebner v. Eschenbach, (Uni Halle-Wittenberg), JProf.in Dr.in Maria Kondratjuk (TU Dresden), Prof.in Dr.in Katrin Kraus (Uni Zürich) und Prof. Dr. Matthias Rohs (TU Kaiserslautern). Der neue Vorstand ist für zwei Jahre gewählt. Die Erwachsenenbildungswissenschaft forscht und publiziert grundlagentheoretisch wie anwendungsorientiert zu Fragestellungen der Erwachsenen- und Weiterbildung in der ganzen gegenstandsbezogenen Breite wie Tiefe von allgemeiner, kultureller und politischer Erwachsenenbildung bis zu beruflicher oder betrieblicher Weiterbildung. In der Sektion sind fast 500 Forschende organisiert.

Weitere Informationen: https://www.dgfe.de/sektionen-kommissionen-ag/sektion-9-erwachsenenbildung.

Gutachterinnen und Gutachter 2021

Service

Gutachterinnen und Gutachter 2021

Der Hessische Volkshochschulverband und die Redaktionskonferenz der Hessischen Blätter für Volksbildung danken den externen Gutachterinnen und Gutachtern des Jahres 2021.

Matthias Alke

Lisa Breitschwerdt

Timm Feld

Erik Haberzeth

Ramona Kahl

Katrin Kraus

Anita Pachner

Henning Pätzold

Natalie Pape

Matthias Rohs

Karin Rott

Bernhard Schmidt-Hertha

Silke Schreiber-Barsch

Maria Stimm

Johannes Wahl

Sarah Widany