Bildung in der Platte

Praxis

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (4)

DOI: 10.3278/HBV2104W009

ISSN: 0018–103X    wbv.de/hbv    hessische-blaetter.de

Bildung in der Platte

Brennpunktarbeit der Volkshochschule Erfurt

Torsten Haß

Zusammenfassung

Bildungsaffinität ist nicht in allen gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen ausgeprägt. Gerade in Stadtteilen, in denen die Menschen soziostrukturell in mehrfacher Hinsicht depriviert sind – was in der Landeshauptstadt Erfurt vor allem auf die in industrieller Großbauweise errichteten Stadtteile zutrifft –, ist festzustellen, dass die Herausforderungen einer sich schnell wandelnden Gesellschaft vielfach überfordernd wirken, was einen Rückzug ins Private oder auch in Subgesellschaften zur Folge hat. Daraus resultiert nicht zuletzt gesellschaftspolitische Apathie, die auch zu einer Erosion demokratischer Strukturen oder gar der Demokratie selbst führen kann. Dem ist nur durch geeignete, auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnittene Angebote zu begegnen, die in der Zielgruppenerreichung speziellen Prämissen folgen sollten.

Stichwörter: Sozialraumorientierung; Bildung im Stadtteilzentrum; Bildungsaffinität; Bildungszugang; Chancengleichheit; Niedrigschwelligkeit

Abstract

Affinity for education is not equally pronounced in all social groups. Especially in districts where people are socio-structurally deprived in many respects – which in the state capital Erfurt applies above all to the districts built in large-scale industrial construction – it can be seen that the challenges of a rapidly changing society often seem overwhelming, resulting in a retreat into the private sphere or even into sub-societies. This results not least in socio-political apathy, which can also lead to an erosion of democratic structures or even democracy itself. This can only be countered by suitable offers tailored to the respective target group, which should follow specific premises in reaching the target group.

Keywords: social space orientation; education in the district centre; affinity to education; access to education; equal opportunities; low-threshold accessibility

Die Gesellschaft, als systemische Entität betrachtet, unterliegt einem ständigen Wandel in all ihren Subsystemen. Normative Grenzen, die als Orientierungspunkt dienen, können durch diese Charakteristik sozialer Systeme an Validität verlieren. Idealtypisch verläuft die Adaptation der Menschen an ihre gesellschaftskontextualisierenden Lebensumstände parenthetisch. Durch die zunehmende Geschwindigkeit der Veränderung ist dies allerdings für manche Bürger*innen gar nicht mehr bzw. allenfalls noch eingeschränkt möglich.

Hervorgerufen durch die mediale Fülle an Berichterstattungen in vielzähligen, leicht zugänglichen Kanälen – ob über lokale, regionale, nationale oder globale Ereignisse – wird ein Anpassungsdruck auf die Individuen erzeugt, neue Informationen unverzüglich aufzunehmen, zu verarbeiten und einzuordnen. Negative Berichterstattungen werden dabei evolutionsbiologisch besser aufgenommen, führen letztlich aber auch dazu, dass diese Stressoren Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben und Ängste fördern. Problematisierend ist vor allem, dass die selektive Wahrnehmung als Eigenart der Menschen in Verbindung mit dem Verbleib in der Peergroup unter Umständen zu sozialen, politischen und auch wirtschaftlichen Ent­kopplungsprozessen führt, was letztlich in gesellschaftlicher und politischer Apathie enden kann. Die bewusste Einschränkung des Medienkonsums, eine Unterstützung bei der Einordnung von Ereignissen sowie der physische Austausch im Sozialraum und darüber hinaus können der besseren Verarbeitung der Flut an Informationen dienlich sein. Gerade in Stadtteilen mit soziostrukturell multipel deprivierten Bürger*innen sind Unterstützungsleistungen zur Entwicklung von Copingstrategien notwendig, um eine Verbesserung der Lebensverhältnisse für alle Bewohner*innen und ein höheres Maß an Chancengleichheit zu erreichen, was letztlich zur Stabilisierung des gesellschaftlichen und damit auch politischen Systems beiträgt.

Dieser Sachverhalt kumuliert in zwei zentralen Thesen, denen in den weiteren Ausführungen nachgegangen werden soll.

1 Zentrale Thesen

  1. In einer sich zunehmend schnell wandelnden Gesellschaft mit einer Fülle von medialen Angeboten und Anforderungen, einer oft auch verängstigenden Informationsflut brauchen Menschen zunehmend Angebote in der Nachbarschaft, reale Treffen mit Mitmenschen und den persönlichen Austausch, Antworten auf unmittelbare Fragen des Alltags und Ansprechpartner*innen vor Ort.
  2. Zweifellos ist die gesellschaftliche und damit auch die politische Stabilität eines Landes gefährdet, wenn einem erheblichen Teil seiner Bürger*innen die normative oder gar Verfassungsordnung fremd bleibt. Es beunruhigt, wenn politische Apathie sowie antidemokratische Ressentiments weitverbreitet sind und das Demokratieverständnis erodiert. Die Bildungsinstitutionen sind also aufgefordert, alle gesellschaftlichen Milieus wieder an die Demokratie heranzuführen.

2 Die Erfurter Volkshochschule

Die Volkshochschule (VHS) Erfurt, als das kommunale Weiterbildungszentrum der Landeshauptstadt, ist eine gemeinnützige Einrichtung zur Erwachsenen- und Weiterbildung. Mit der strukturellen Integration der Schülerakademie und der Erfurter Malschule wurde die Zielgruppe der über 16-Jährigen auch auf die darunterliegende Altersgruppe ausgedehnt. Die VHS kooperiert überparteilich und überkonfessionell mit Schulen, mit öffentlichen, privaten, konfessionellen und wissenschaftlichen Organisationen sowie mit anderen Volkshochschulen.

Die VHS, als Ort der Demokratie und Bildung, fördert die Teilhabefähigkeit, die kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen und regt zur Mitwirkung am gesellschaftlichen Leben an. Ziel ist, allen Menschen lebenslanges Lernen zu ermöglichen, um ihre ganz persönlichen Lernziele zu verwirklichen.

Dabei organisiert die VHS Erfurt auch federführend die Entwicklung der Erfurter Bildungsstadt und die Bildungskoordination für Neuzugewanderte. Sie ist qualitätstestiert nach LQW, AZAV und Ökoprofit und seit 2008 zugelassene Kursträgerin für Integrations- und Berufssprachkurse.

Die Volkshochschule Erfurt schafft mit offenen Bildungsangeboten und beteiligungsorientierten Methoden einen Raum für Auseinandersetzung und Verständigung. Ein vielfältiges Angebot an Veranstaltungen und Exkursionen in den Fachbereichen ist etabliert.

3 Mehr als ein Stadtteilzentrum – das Bildungszentrum vor Ort

Aus dem Quartiersmanagement, dessen Ursprung in der politischen Wendezeit liegt, wurde nach den dramatischen Veränderungen der Plattenhaussiedlungen im Erfurter Norden in den 1990er-Jahren, der Einrichtung der Ortsteilvertretungen 2009 und dem Einzug vieler Organisationen in ein neues Stadtteilzentrum ein bemerkenswerter Ort der Verknüpfung von sozialraumorientierten Angeboten im Planungsraum.

Im direkten Einzugsgebiet, dem Moskauer Platz, leben ca. 8.000 Erfurter*innen. Im sozialräumlichen Bezug werden ca. 25.000 Bewohnende der Plattenbaugebiete im Erfurter Norden erreicht.

Im Gebäude der Moskauer Straße 114 – entstanden aus einem leergezogenen Kindergarten – haben sich nach Gründung des Stadtteilzentrums 2012 verschiedene Träger, Vereine, das Büro des Ortsteilbürgermeisters und auch die VHS angesiedelt.

Das Christopheruswerk unterhält seine Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle „Mensch mit Leib und Seele“ in der ersten Etage des Hauses. Im Souterrain ist eine Werkstatt für Menschen mit besonderem Förderbedarf untergebracht. Die dort hergestellten Waren können gleich eine Etage darüber im Mehrgenerationenhaus des Trägers MitMenschen e. V. (MMeV) verwendet werden.

Der Verein MMeV organisiert u. a, Familienangebote, das Projekt „welcome“, Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit, Schuldnerberatung, Angebote im Jugendhaus und das Projekt „Kita-Einstieg“. Familien finden hier Beratung, Hilfe und eine Fülle von Angeboten zur Freizeitgestaltung und zur Weiterbildung.

In der ersten Etage sind auch der Ortsteilbürgermeister und Vertreter*innen des Ortsteilrates beheimatet. Regelmäßig bieten sie Sprechstunden für Bürger*innen an, helfen beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen und sind für Fragen von Ordnung und Sauberkeit für die Anwohnenden da.

Jeden Dienstag berät das Jugendamt Erfurt in der ersten Etage zu den Themen Kindeswohl, Hilfen zur Erziehung und Fragen der Familienbildung.

Auch werden in der ersten Etage Wanderausstellungen gezeigt und mit Vernissagen beworben, oft von den Anwohner*innen des Moskauer Platzes gestaltet, was zu einer hohen Identifikation mit dem Stadtteil beiträgt. Kurz gesagt: Alle Angebote finden sich im Stadtteilzentrum unter einem Dach.

Das Stadtteilzentrum als Stadtteilrathaus Moskauer Platz ist ein Beispiel zukunftsträchtiger bildungsbezogener Quartiersarbeit sowie für das Miteinander von Trägern, Akteur*innen und Verwaltung. Es stellt ein nachhaltiges Modell für die Vernetzung der Akteur*innen, die Reduzierung von Wegen und ineffektiver räumlicher, geografischer Mobilität und die unbürokratische Bearbeitung von Fällen „auf dem kleinen Dienstweg“ dar.

Vielfältige Kooperationen finden über die Stadtteilkonferenz im Saal des Stadtteilzentrums und von der Leiterin des Mehrgenerationenhauses moderiert mit allen anderen Institutionen, Vereinen und Verbänden vor Ort statt und sind fest vereinbart.

Aus den genannten Gründen bietet auch die Volkshochschule Erfurt in den unteren Räumen Weiterbildung für alle an. Sprachangebote, Vorträge, Fortbildungen und Tanzen, aber auch Integrationskurse und zahlreiche Kooperationsangebote mit zivilgesellschaftlichen Partner*innen sind hier verortet.

4 Der Bildungsansatz der VHS in der Platte

Die Bildungsangebote der VHS richten sich insbesondere an bildungsferne bzw. weniger bildungsaffine Gruppen, die mit den bisherigen regulären Bildungsangeboten noch unzureichend erreicht wurden. Bildungsferne soll hier zudem als wertneutrale Zustandsbeschreibung der Situation von Menschen verstanden werden, die aus verschiedensten Gründen zum klassischen Bildungssystem wenig oder keinen Zugang gefunden haben – in dem Bewusstsein, dass „Ferne“ in Abhängigkeit zur Perspektive steht (vgl. Sterzing 2011, S. 11).

Wir müssen feststellen, dass sich ein Teil der Gesellschaft den Bemühungen der politischen und gesellschaftlichen Bildung weitgehend entzieht. Dieses Segment setzt sich zum großen Teil aus den unteren Sozialschichten zusammen. Die Angehörigen dieser Schichten verfügen oftmals nur über niedrige Bildungsabschlüsse. Ihr Fernsehkonsum ist deutlich höher, aber auch deutlich weniger anspruchsvoll als der von Angehörigen höherer Sozialschichten. Das niedrige Bildungsniveau korreliert mit erheblicher Sprach- und Gesprächsarmut. Auch ist die politische Urteilskompetenz als gering zu veranschlagen. Dies ist das Ergebnis des nur sporadisch vorhandenen Wissens über Politik. Denn politische Aufgeschlossenheit ist eine Funktion des vorhandenen Wissens (vgl. Detjen 2016). Deshalb gilt es, Strategien zu entwickeln, die es ermöglichen, beteiligungsferne Gruppen für gesellschaftliche Grundsatzentscheidungen zu interessieren und auf dem Weg dorthin für individuelle Weiterbildungsangebote zu gewinnen.

Niedrige Bildungsabschlüsse korrelieren mit unsicheren beruflichen Karrieren und folglich mit prekären Lebenslagen. Die Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensverhältnissen führt wiederum häufig zur Unzufriedenheit mit der bestehenden politischen Elite im ursprünglichen Wortsinn sowie zu einer Distanz gegenüber dem politischen Gemeinwesen. Je unsicherer die Zukunft erscheint, desto mehr wird die Politik abgelehnt. Klassische Bildungsangebote rufen bei bildungsfernen Gruppen leicht Gefühle von Frustration, Minderwertigkeit, Ohnmacht und Überforderung hervor. Sie kompensieren dieses Gefühl mit dem Argument, dass Bildung nutzlos ist, da sie nicht direkt und unmittelbar den Alltag zu erleichtern hilft.

Das Bücherlesen ist kaum verbreitet. Hieraus folgt: Bildung muss in kleinen Portionen, ohne großen Aufwand und vor allem ohne große Anstrengung konsumierbar sein. Sie darf nicht überfordern, also nicht zu viel Wissen voraussetzen. Sie muss sprachlich einfach und visuell reizvoll sein (vgl. ebd.). Bildung muss für die meisten bildungsfernen Gruppen einen praktischen Nutzen haben. Das meint: Am Ende einer Bildungsanstrengung muss man mehr Geld verdienen und sich mehr leisten können. Etwas Weiteres kommt hinzu: Wissen soll sich ohne viel Aufwand aneignen lassen. Die Bildungsveranstaltungen werden dann freiwillig besucht, wenn diese in irgendeiner Weise Eventcharakter haben. Denn das verheißt Unterhaltung sowie eine angemessene Form und Sprache.

Diese Optimierungspotenziale in der gesamtheitlichen Zugänglichkeit von Bildungsprozessen können somit zur Erhöhung der Bildungsaffinität beitragen.

Folgende Prämissen sind Grundlage des besonderen Bildungsangebotes in der Platte:

Erreichbarkeit (keine Zugangshürden): Angebote für bildungsbenachteiligte Menschen müssen erreichbar sein. Wichtig ist die geografische Nähe zum Wohnumfeld. Auch ein geringer Teilnahmebeitrag ist ein Kriterium für Erreichbarkeit. Außerdem bestehen zu bestimmten Einrichtungen Barrieren, da sie als Orte der „höheren Bildung und Kultur“ und somit als „fremde Welt“ gelten.

Persönliche Ansprache: Über die herkömmlichen Informationswege (Programmhefte, Flyer, Pressemeldungen etc.) wird die Zielgruppe nicht erreicht. Wirksame Zugänge sind die persönliche Ansprache durch Vertrauenspersonen und Mund-zu-Mund-Propaganda. Wichtig ist die Zusammenarbeit mit „Brückenmenschen“ (besonders aktive und selbstbewusste Quartiersbewohner*innen, die innerhalb des „Nahbereichs“ als Multiplikator*innen/Sprecher*innen fungieren) und „Schnittstellenpersonen“ (Mitarbeitende von Wohnungsunternehmen, sozialen Einrichtungen, Mitglieder der Stadtteilkonferenz …), die viel Kontakt zur Zielgruppe durch ihre überwiegend hauptamtliche Tätigkeit haben. Sie besitzen Vertrauen, Kommunikationskompetenz, sind engagiert und haben eigenes persönliches oder berufliches Interesse. Die systematische Einbindung einer vermittelnden Instanz zwischen Weiterbildungsanbietenden sowie Adressat*innen ermöglicht eine sehr viel stärker an den Interessen orientierte Weiterbildungsbedarfsermittlung. Die soziale Nähe der „Brückenmenschen“ und die langjährige Erfahrung der „Schnittstellenmenschen“ mit der Zielgruppe ermöglichte eine Planung von Veranstaltungen ausgehend von deren alltagsweltlichen und milieuspezifischen Problemlagen.

Kontinuierliche Kommunikation: Immer wieder muss über Beteiligungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten kommuniziert werden, zudem müssen zentrale Anlaufstellen vor Ort aufgebaut sowie flexible Angebots-, Beteiligungs- und Engagementmöglichkeiten vorgehalten werden, um dauerhaft vor Ort präsent zu sein.

Vernetzung: Kooperationen von verschiedenen Akteur*innen im Stadtteil tragen zu einer größeren Verbreitung einzelner Angebote bei und müssen kontinuierlich gestärkt werden. Zielgruppen übergreifende Angebote sind nachweisbar besser besucht. Die Unterstützung bereits bestehender partizipativer Projekte im „Nahraum“ ist der Schlüssel, um Teilnehmende zu gewinnen.

Ansetzen an der direkten Lebenssituation: Die Angebote der Weiterbildung und später der gesellschaftlichen Beteiligungsmöglichkeiten müssen sich an den realen/alltäglichen Problemen von (sozial benachteiligten) Menschen orientieren. Es muss versucht werden, etwas an dieser Situation zu verändern. Abstrakten Debatten ohne Lebensweltbezug sind grundsätzlich zu vermeiden (vgl. Knoll 2008).

5 Von der VHS initiierte Projekte

Wichtig war der Aufbau eines Netzwerkes von „Schnittstellenpersonen“ und „Brückenmenschen“, die dann in einem ersten Schritt geschult wurden. Hier sind insbesondere die Mitarbeitenden des Mehrgenerationenhauses als Kontaktpersonen, aber auch die Mitglieder der Stadtteilkonferenz zu nennen, welche vielfältige unterschiedliche Zugänge zu den Menschen vor Ort haben.

Es wurden lebendige Kommunikation, Körpersprache und Sensibilisierung im interkulturellen Kontext – Sensibilisierung für die Weiterbildung – mehrfach in den Stadtteilkonferenzen direkt oder in persönlichen Gesprächen vermittelt.

Projektbeispiele aus Erfurter Sicht sind:

  • Veranstaltungen mit Eventcharakter nutzen, um Interesse für Bildung zu wecken. An dieser Stelle wurden die Stadtteilfeste, der Adventsmarkt, aber auch Seniorengeburtstagsrunden u. Ä. genutzt, um die Bildungsangebote unterschwellig direkt anzubieten oder so attraktiv darzustellen, dass sie in einem nächsten Schritt besucht werden.
  • Der „interkulturelle Chor“ richtete sich gezielt an Personen mit und ohne Migrationshintergrund. Inhaltlich geht es um das gemeinsame Singen von Liedern verschiedener Kulturen und Stilrichtungen. Ziel ist der gemeinsame Spracherwerb und die Vermittlung anderer Kulturen über einfache Liedtexte. Hier tritt jährlich der durch Deutschland reisendende Moskauer Chor des Heiligen Wladimir auf und animiert die sich findende Gesangsgruppe.
  • Initialisierung einer „Fotogruppe am Moskauer Platz“ (www.fotofreunde-erfurt-moskauerplatz.de).
  • Projekt „Politik trifft Hartz IV“: Prinzipiell bestätigt sich, dass Bildung für diese Zielgruppe oft bei lebensweltlichen Problemlagen beginnt. Sie hat häufig eher den Charakter von Beratung, da Menschen, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind und zusätzlich zurückgezogen leben, auf typische Bildungsangebote von sich aus nicht reagieren. Sie artikulieren keine „Bildungsinteressen“ bzw. „Bildungsbedarfe“, sondern es treten bestimmte „Handlungsprobleme“ zutage. Das bedeutet auch, dass bei der Arbeit mit solch weniger bildungsaffinen Personen die Grenze zwischen „Sozial-“ und „Bildungsarbeit“ unscharf werden kann. In Bezug auf die notwendige Niedrigschwelligkeit ist bei der Arbeit mit diesen Gruppen aber davon auszugehen, dass die lebensweltliche Anknüpfung bereits Teil der methodisch-didaktischen Strategie ist.
  • niedrigschwellige Angebote, die auf Begegnung, Freizeitgestaltung und Geselligkeit zielen
  • Kontakt über Essen: Dies bietet Begegnungsmöglichkeiten für soziale Gruppen, die Entwicklung eines expliziten Bildungsprogramms, die Integration neuer Lernformen und die Zusammenarbeit mit bestehenden Bildungsorganisationen.
  • Sport- und Bewegungsangebote in Kooperation mit Wohnungsunternehmen und dem Mehrgenerationenhaus schaffen wohnortnahe erreichbare Präventionsangebote.
  • Fahrten: Es zeigt sich, dass bildungsferne Gruppen gern an Tagesfahrten mit Bildungscharakter teilnehmen. Kosten dürfen für die Teilnehmenden nicht entstehen.
  • Organisation einer „Wahl“ im Mehrgenerationenhaus, Vorstellung von Erfurter Politiker*innen aus dem Bundestag, Vorstellung des Wahlsystems, der Parteien, der Wahlbezirke etc.
  • Diskussionsforen
  • Leseabende
  • Möglichkeiten zur Information über finanzielle Unterstützung, Anträge etc.

Wichtig sind auch Workshops, die Netzwerke im Wohngebiet stärken und Möglichkeiten bieten, neue Konzepte für Seminare in trägerübergreifender Zusammenarbeit kontinuierlich zu erarbeiten.

6 Fazit

Die Bildungsarbeit in der Platte ist im wahrsten Sinne des Wortes alternativlos, wenn es unser Anspruch als kommunales Weiterbildungszentrum ist, alle Bevölkerungsgruppen unserer Gesellschaft zu erreichen und auf die Herausforderungen dieser Zeit der zunehmenden Polemisierung und Politisierung, auch und vor allem im Kontext der Digitalisierung, vorzubereiten.

Die VHS benötigt für diese herausfordernde Aufgabe zeitlich-räumliche, finanzielle und personelle Ressourcen im institutionellen Bereich, um mittel- und langfristig diese Grundfrage der Gesellschaft im Verbund mit allen gutwilligen Partner*innen in den Kommunen angehen zu können und so einen wesentlichen Beitrag bei der Rettung unserer Demokratie zu leisten! Bildung und Begegnung sind die Kernelemente, um Menschen zu befähigen, kritisch und rational zu denken, zu handeln und so die Komplexitätsreduktion der aktuellen Herausforderungen für die Gesellschaft zu ermöglichen. Diese Form des Empowerments der wenig bildungsaffinen Gruppen gelingt durch Bildungsangebote, die den oben genannten Prämissen folgen.

Literatur

Detjen, J. (2016). Politische Erziehung als Wissenschaftsaufgabe. Das Verhältnis der Gründergeneration der deutschen Politikwissenschaft zur politischen Bildung. Baden-Baden: Nomos.

Knoll, J. (2008). Lern- und Bildungsberatung. Professionell beraten in der Weiterbildung. Bielefeld: wbv.

Sterzing, D. (2011). Präventive Programme für sozial benachteiligte Familien mit Kindern von 0–6 Jahren. Überblick über die Angebote in Deutschland. München: Deutsches Jugend­insitut e. V. http://www.intern.dji.de/bibs/Praeventive_Programme_fuer_­sozial_­benachteiligte_Familien.pdf

Autor

Torsten Haß, seit 2007 Leiter der Erfurter Volkshochschule, seit 2009 Ortsteilbürgermeister des Moskauer Platzes.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch die Redaktionskonferenz am 12.08.2021 zur Veröffentlichung angenommen.

This article was accepted for publication following the editorial meeting on the 12th August 2021.