Und sie kommen doch! Geld für Bildung!

Praxis

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (4)

DOI: 10.3278/HBV2104W008

ISSN: 0018–103X    wbv.de/hbv    hessische-blaetter.de

Und sie kommen doch! Geld für Bildung!

Bildung mit „bildungsfernen“ Jugendlichen und jungen Erwachsenen – ein Erfahrungsbericht aus Wien

Jean-Marie Thill

Zusammenfassung

Der Beitrag gibt einen Erfahrungsbericht über spacelab“, ein niederschwelliges arbeitsmarktpolitisches Projekt aus Wien. Durch offene aufsuchende Jugendarbeit werden Jugendliche motiviert, an einem Bildungs- und Arbeitstraining teilzunehmen. Die verfolgten Ziele sind die Stärkung des Selbstvertrauens, die Steigerung der Motivation durch Erfolge, Spaß am entdeckenden Lernen. Ein professionelles Netzwerk von Wiener Sozial- und Bildungseinrichtungen begleitet junge Erwachsene bei ihren Schritten zur gelungenen gesellschaftlichen Teilhabe.

Stichwörter: Niedrigschwellige Bildungsangebote; finanzielle Incentives; Bedarfsorientierung

Abstract

The article gives an experience report on “spacelab”, a low-threshold labour market policy project from Vienna. Through open outreach youth work, young people are motivated to participate in educational and work training. The goals pursued are to strengthen self-confidence, to increase motivation through success, to have fun with discovery learning. A professional network of Viennese social and educational institutions accompanies young adults in their steps towards successful participation in society.

Keywords: low-threshold educational offers; financial incentives; needs orientation

1 spacelab – ein arbeitsmarktpolitisches Projekt

Der Anfang: Es gibt sehr wenige Lehrstellen, eine schwierige Arbeitsplatzsuche, ein erschwerter Zugang zu Ausbildung und Beruf für bildungsferne Jugendliche und junge Erwachsene. Das System „Schule – Lehre – Ausbildung – Beruf“ funktioniert nicht wirklich gut für diese Zielgruppe.

Die Idee: Ein innovatives EU-Projekt startet im Juli 2005 in Wien: spacelab. Ab 2014 wird das Projekt im Rahmen der Wiener Ausbildungsgarantie vom waff – dem Wiener Arbeitsmarktförderung Fond – und vom Arbeitsmarktservice (AMS) Wien gefördert, ab 2016 dann durch den waff und das Sozialministerium. Im Dezember 2020 endet das arbeitsmarktpolitische Projekt nach 15 Jahren – ein Erfahrungsbericht.

spacelab ist gekennzeichnet durch den klaren Fokus auf die Stärken der Jugendlichen und auf die Förderung ihrer Fähigkeiten. Hinweise auf ihre Defizite erlebt die Zielgruppe zur Genüge in der Schule, im sozialen Umfeld, im Alltag. Das kreative, aktive Gestalten und insbesondere die Partizipation der Jugendlichen wird das Projekt bis zum Schluss im Dezember 2020 auszeichnen.

Verschiedene Organisationen, welche engmaschig kooperieren, bilden die Basis einer erfolgreichen Integration der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Aufsuchende Jugendarbeit im öffentlichen Raum durch den Verein Wiener Jugendzentren, sozialpädagogische Betreuung und Coaching durch das Werkstätten- und Kulturhaus, Training und Erprobung von beruflich relevanten Tätigkeiten durch die Volkshilfe Wien, Basisbildung in Wissenswerkstätten durch die VHS Wien sowie ein eigenes Projekt für Mädchen und junge Frauen durch den Verein Sprungbrett ergeben zusammen das erfolgreiche Netzwerk von spacelab.

Von den zunehmenden Schwierigkeiten beim Übergang von Schule zu Beruf sind insbesondere Jugendliche ohne oder mit unzureichendem Pflichtschulabschluss und vielschichtigen Problemlagen betroffen. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass ein großer Anteil von Jugendlichen ohne zusätzliche Unterstützungsmaßnahmen nicht nachhaltig erreicht werden kann. Dies betrifft Jugendliche, die aufgrund fehlender Einstiegsanforderungen keinen Zugang zum Bildungs- und Arbeitsmarkt finden, aufgrund von Überforderungen aus diesem hinausfallen oder ihn nicht mehr aufsuchen, weil Angebote nicht ausreichend auf ihre besonderen individuellen Bedürfnisse abgestimmt und insgesamt mit zu hohen Hürden verbunden sind.

2 Der Einstieg

spacelab setzt sehr niederschwellig auf unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten. Die aufsuchende Jugendarbeit informiert die Jugendlichen über die Möglichkeiten und lädt zum Schnuppern ein. Jugendliche nutzen ihre Netzwerke und kommen auf Empfehlung anderer Jugendlicher. Mitarbeiter*innen des AMS und sonstiger sozialer Einrichtungen informieren in den jeweiligen Beratungsstellen.

spacelab ist ein Angebot für Jugendliche im Alter von 15 bis 24 Jahren. Gemeinsam ist allen Jugendlichen, dass sie fehlende Kulturtechniken und Sozialkompetenzen sowie einen erschwerten Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt bzw. geringe bis keine eigene Erfahrung mit Erwerbsarbeit haben.

Sowohl junge Frauen als auch junge Männer sollen an den gemischten Standorten ihre Trainingsräume finden. Mit einem eigenen Mädchenstandort wird die Wichtigkeit betont, neben gemischten Gruppen auch einen geschlechtshomogenen Platz für junge Frauen anzubieten. Mit diesem Angebot, das sich ausschließlich an junge Frauen wendet, werden Bereiche, die einen besonders sensiblen Umgang erfordern, abgedeckt. Dies sind z. B. Themen der eigenen Körperlichkeit, der Rollenzuschreibungen, der Sexualität, aber auch des Selbstwerts.

Jugendliche, die sich durch fehlende Gruppenfähigkeit, komplett fehlende Motivation oder Selbst-/Fremdgefährdung charakterisieren, sowie akut Suchtmittelkranke können nicht teilnehmen.

Sehr wichtig für den Einstieg ist die aufsuchende Jugendarbeit, welche sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientiert und diesen ermöglicht, auf Basis der Freiwilligkeit ohne große Verbindlichkeiten sich an den Angeboten zu beteiligen und sich mit eigenen Ideen einzubringen oder aber auch einfach nur da zu sein bzw. Beratung und Begleitung zu verschiedenen Problemstellungen zu bekommen.

Die aufsuchende Jugendarbeit leistet neben der Kontaktaufnahme auch Erstinformation zu spacelab und Erstmotivation zum Mitmachen von Jugendlichen.

3 Das Tagestraining

Die einzelnen Angebotsschienen mit unterschiedlichen Graden an Verbindlichkeit, die dem Spannungsfeld zwischen Bedürfnis- und Zielorientierung der Jugendlichen gerecht werden, bauen auf jahrelangen Erfahrungen in der Arbeit mit der Zielgruppe im Projekt spacelab auf. Ausgehend von aktivierenden Angeboten in der offenen und aufsuchenden Jugendarbeit liegen die wesentlichen Ziele beim Erreichen von Jugendlichen und der Vermeidung von Drop-outs sowie der konkreten Perspektivenentwicklung im Coaching. Das Erreichen dieses Kernziels wird durch die Erweiterung fachlicher und sozialer Kompetenzen sowie durch den Erwerb von Kenntnissen in diversen Kulturtechniken im Tagestraining, im Training und der Wissenswerkstatt unterstützt.

Eine essenzielle Charakteristik von spacelab ist, dass das Angebot von zwei unterschiedlichen niederschwelligen Hauptaspekten geprägt ist: der niederschwellige Zugang wie u. a. flexible Zugangswege, aufsuchende Kontaktaufnahme, Freiwilligkeit, Anonymität etc. sowie das niederschwellige inhaltliche Angebot.

Das Tagestraining erfordert ein geringes Maß an Verbindlichkeit. Es bietet an vier Tagen in der Woche im Ausmaß von täglich fünfeinhalb Stunden eine Einstiegsmöglichkeit ins Tätigwerden an. Das inhaltliche Angebot richtet sich nach den jeweilig aktuellen Tätigkeiten der Trainingsgruppen, z. B. Medien, Design, Natur, Garten, Kultur etc. Die Jugendlichen gewinnen hier wieder eine Tagesstruktur, sie können nicht kommen und gehen, wie es ihnen beliebt, sie müssen die Trainingszeiten der Werkstätten einhalten. Neben ihrer Anwesenheit wird auch ein bestimmtes Maß an Engagement erwartet. Als Gegenleistung erhalten die Teilnehmenden eine finanzielle Entschädigung in Form eines Taschengeldes in der Höhe von 10 Euro pro Tag. Für viele Jugendliche ist dieses „Geld für Bildung“ das erste selbst verdiente Geld. Die Verbindlichkeit der Vereinbarung zwischen spacelab und den Jugendlichen wird hiermit stärker unterstrichen. Ganz wichtig war allen, dass „echtes Geld“ und keine Gutscheine zur Auszahlung kommen. Die Verfügungsgewalt über das Geld im Sinne einer Selbstermächtigung stärkt das Selbstvertrauen der Jugendlichen. Dieses Angebot ist natürlich attraktiv für Jugendliche, die kurzfristig Geld benötigen, die aber kein sonstiges Interesse an weiterem Lernen haben. Dennoch ist gerade dieser niederschwellige, wenig verbindliche Einstieg ein erster Schritt für eine längere Wiedereingliederung in die Bildungsprozesse und eventuelle nachfolgende Arbeitsaufnahmen. Um der Entwicklung der Jugendlichen gerecht zu werden, wird nach Abbrüchen ein neuerlicher Einstieg ermöglicht. Oft ist eine Vielzahl von Anläufen notwendig, bis das Angebot und die Bedürfnisse zusammenpassen.

4 Das Training

Der Schwerpunkt von spacelab liegt in der Folge auf dem Training. Dieses umfasst 25 Wochenstunden für die Dauer von sechs bis zwölf Monaten und erfordert ein viel höheres Maß an Verbindlichkeit als das Tagestraining. Die Inhalte orientieren sich am erhöhten Bedarf der Zielgruppe an begleitender Unterstützung zur aktiven Lebensgestaltung und beruflichen Perspektivenentwicklung. Die Möglichkeit, selbsttätig Erfahrungen zu machen, sowie die Berücksichtigung der persönlichen Lebenswelt der Jugendlichen sind dafür Voraussetzung. Ein besonderes Augenmerk liegt bei der Aufbereitung komplexer Inhalte in überschaubare und einfach zu bewältigende Aufgabenstellungen. Während der gesamten Trainingszeit erhalten die Teilnehmenden eine Beihilfe DLU (Deckung des Lebensunterhalts) in Höhe von täglich ca. 27 Euro durch das AMS Wien. Das praktische Training findet in Werkstätten an vier Standorten in Wien statt:

  • spacelab_umwelt mit den Schwerpunkten Umweltpädagogik sowie Garten- und Landschaftsbau,
  • spacelab_kreativ mit den Schwerpunkten Kunsthandwerk, Medienpädagogik sowie Holz und Keramik,
  • spacelab_gestaltung mit den Schwerpunkten kulturelle Produktion im öffentlichen Raum, Theaterpädagogik, experimentelles und kreatives Gestalten, sowie
  • spacelab_girls: Dieses zeichnet sich durch eine besonders breit gestreute Angebotspalette aus, die es ermöglicht, auf die jeweiligen Fähigkeiten der jungen Frauen einzugehen. Schwerpunkte sind Handwerk, Gesundheit und digitales Arbeiten.

5 Die Wissenswerkstatt

Das Bildungsangebot der VHS Wien in spacelab ist durch die sehr individuellen Angebote gekennzeichnet. Diese werden den Bedarfen der Jugendlichen sowohl inhaltlich wie zeitlich angepasst. Das pädagogische Handeln fokussiert auf die Unterstützung der Jugendlichen, um zu einem selbst gestalteten Leben zu finden. Neben der Motivationsförderung zum Lernen soll Spaß und Lebensqualität durch Bildung erlebbar werden. Das Andocken der Wissenswerkstatt am praktischen Arbeiten des Tagestrainings und des Trainings ermöglicht sehr individuelle sinngebende Aufgabenstellungen. Die Wissenswerkstatt gewährleistet die nachhaltige Förderung und Kompetenzentwicklung der Jugendlichen. Durch die Verbindung von Arbeitsprozessen und die darüber stattfindenden Lernprozesse werden Kenntnisse und Fertigkeiten, die für die individuelle Weiterentwicklung, die Aufnahme einer weiteren Bildungslaufbahn oder einer Erwerbstätigkeit notwendig sind, entwickelt bzw. gefördert.

Ein Teil der Wissenswerkstatt ist die wöchentlich stattfindende Lernwerkstatt mit Schwerpunkt Basisbildung. Die Jugendlichen lernen im Gruppensetting, um sich schrittweise wieder an das Lernen in größeren Gruppen zu gewöhnen.

Ergänzt wird das Bildungsangebot durch das monatliche Denkforum. Schwerpunkt dieses Angebots ist die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen, philosophischen, wirtschaftlichen u. ä. Themen, welche die Jugendlichen auch selbst einbringen. Hierbei geht es einerseits um Diskussionen, Entwicklung von Argumentationsstrategien und kritische Meinungsbildung, anderseits auch um die Entwicklung sozialer und persönlicher Kompetenzen im Umgang mit sich selbst, mit anderen und in Bezug auf die Zusammenarbeit in Gruppen oder in der Arbeitswelt.

6 Coaching

Dem Coaching kommt bei spacelab eine zentrale Funktion zu. Es sichert die Verbindung vom niederschwelligen, unverbindlichen Teil zum allgemeinen Teil von spacelab. Voraussetzungen für die Teilnahme am Coaching sind die Bereitschaft und Fähigkeit der Jugendlichen, sich auf einen verbindlichen, zielorientierten Beratungs- und Betreuungsprozess einzulassen. Sind diese (noch) nicht gegeben, können die Jugendlichen weiterhin die niederschwelligen Angebote nutzen und eventuell zu einem späteren Zeitpunkt von den Coaches begleitet werden. Jährlich wurden durch das Coaching ca. siebenhundert Jugendliche erreicht.

7 Zielerreichung

Ein abschließender Blick auf die Wirkungsziele von spacelab zeigt diese auf mehreren Ebenen: Auf der individuellen Ebene der Jugendlichen und jungen Erwachsenen erfolgt eine Stärkung des Selbstvertrauens, eine klare Kompetenzentwicklung und eine Verbesserung des Zugangs zum Arbeitsmarkt. Auf der gesellschaftspolitischen Ebene zeigt sich ein Beitrag zum sozialen Frieden und zur stärkeren Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Arbeitsmarktpolitisch zeigt sich eine Verbesserung der Bereitschaft zu Qualifizierungen und damit einhergehend eine Reduktion des Risikos zur Arbeitslosigkeit.

„[G]enauso sicher ist es, dass es weiterhin etliche Jugendliche geben wird, die wieder nicht in die angebotenen Systeme und Maßnahmen passen werden. Vermutlich wird dann nach einiger Zeit festgestellt werden: Wir brauchen dringend was noch Niederschwelligeres … da gab es doch mal so ein Projekt namens spacelab … sollten wir uns nicht die Konzepte nochmals anschauen?“ (Langer 2020)

Literatur

Langer, G. (2020). spacelab Abschlussstatement. In: WUK, Verein zur Schaffung offener Kultur- und Werkstättenhäuser (Hrsg.), spacelab_stories. Die Geschichte und Geschichten von spacelab (S. 100). Wien: WUK. https://sprungbrett.or.at/wp-content/uploads/2014/08/spacelab_stories_web_klein_20201022.pdf

Autor

Jean-Marie Thill, Bereichsleiter für Innovation und Internationales der vhs Wien.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch die Redaktionskonferenz am 12.08.2021 zur Veröffentlichung angenommen.

This article was accepted for publication following the editorial meeting on the 12th August 2021.