(Grund-)Bildung im Stadion

Praxis

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (4)

DOI: 10.3278/HBV2104W007

ISSN: 0018–103X    wbv.de/hbv    hessische-blaetter.de

Abbildungen

(Grund-)Bildung im Stadion

Ein Projekt der Volkshochschule – in Kooperation mit der SG Dynamo Dresden

Anja Jäpel-Nestler, Annett Lungershausen

Zusammenfassung

„mittendrin – mit Kopf und Ball“ ist ein Alphabetisierungs- und Grundbildungsprojekt, das sich mit seinen Lernorten und Lernangeboten konkret in die Lebenswelt und in den Sozialraum der Menschen begibt. Im Rahmen des Projektes werden neue offene Lernformate für bildungsbenachteiligte Erwachsene entwickelt, wobei die Besonderheit darin besteht, dass die Angebote oft an eher ungewöhnlichen Orten stattfinden, wo sich fußballbegeisterte Menschen gern aufhalten und in der Gemeinschaft zu Hause fühlen. Individuelle Hemmschwellen und negative Gefühle, die u. a. im Mangel an ausreichender Schriftsprachkompetenz begründet liegen, treten hier oftmals in den Hintergrund. Das Novum des Projekts ist durch den Motivationsfaktor „Fußball“ gekennzeichnet und wird durch die Unterstützung der SG Dynamo Dresden positiv verstärkt.

Stichwörter: Grundbildung; Stadion; Fußball; Lebenswelt; geringe Literalität

Abstract

"mittendrin - mit Kopf und Ball" is a literacy and basic education project that goes into people's living environments and social spaces with its learning places and learning opportunities. Within the framework of the project, new open learning formats are developed for educationally disadvantaged adults, with the special feature that the offers often take place in rather unusual places where people who are enthusiastic about football like to be and feel at home in the community. Individual inhibitions and negative feelings, which among other things are due to a lack of sufficient written language skills, often fade into the background here. The novelty of the project is characterised by the motivational factor "football" and is positively reinforced by the support of SG Dynamo Dresden.

Keywords: basic education; stadium; football; lifeworld; low literalism

1 Projektidee und -ziele

Schon in den 1970er-Jahren waren es Volkshochschulen, die auf das Problem der geringen Literalität aufmerksam machten und schnell entsprechende Kurse organisierten. Allerdings haben der fortschreitende Digitalisierungsprozess und die damit verbundenen gestiegenen Anforderungen diese Situation zunehmend verschärft, sodass heute deutschlandweit eine große Anzahl gering literalisierter Erwachsener nur unzureichend am sozialen und beruflichen Leben teilhaben kann.

Laut einer grundlegenden Studie (vgl. Grotlüschen, 2020) haben aktuell 6,2 Mil­lionen Erwachsene in Deutschland Schwierigkeiten, Wörter, Sätze oder einfache zusammenhängende Texte zu lesen und zu schreiben. Weitere Erkenntnisse hinsichtlich der Zielgruppe sind beispielsweise, dass 58,4 % der gering literalisierten Erwachsenen männlichen Geschlechts sind bzw. 25,5 % der Betroffenen zum Zeitpunkt der Erhebung zwischen 46 und 55 Jahre alt waren. Etwas mehr als die Hälfte benennen Deutsch als ihre erste Sprache.

Mit dem Projekt „mittendrin – mit Kopf und Ball“ beschreitet die Volkshochschule Dresden seit 2019 gemeinsam mit der SG Dynamo Dresden und unter wissenschaftlicher Begleitung des Zentrums für Forschung, Weiterbildung und Beratung an der ehs Dresden (ZFWB gGmbH) neue Wege, erschließt auf unkonventionelle Art und Weise die Zielgruppe und generiert neue Lernorte für die Alphabetisierung und Grundbildung in der Stadt Dresden und dem Umland.

Der Sozialraum „Fußballstadion“ wirkt durch sein einzigartiges Setting in besonderem Maß motivierend und steht für ein positives Lernklima. Die Akzeptanz und die Attraktivität des Projektes für Fußballbegeisterte und daher auch für Menschen mit geringer Literalität findet durch die direkte Zusammenarbeit mit ihrem Verein eine positive Motivation, „da dies viele nicht mit dem üblichen ‚Lernen in der Schule‘ verbinden, sondern als Ort, wo sie gemeinschaftlich Freude erleben“ (Auszug aus einem Interview am 26. Mai 2021 mit Peggy Pachel, der Fanbeauftragten der SG Dynamo Dresden).

Die bisherigen praktischen Erfahrungen mit der sehr heterogenen Zielgruppe der Betroffenen haben gezeigt, dass für die Teilnahme an entsprechenden Angeboten – unabhängig von der sozialen Herkunft – eine besondere zielgruppenspezifische Ansprache und eine spezielle Motivation notwendig sind. Diese resultiert insbesondere aus dem individuell empfundenen Mehrwert des Einzelnen für sein unmittelbares (privates) Lebensumfeld. Eine Fokussierung auf die Lernbedürfnisse gering literalisierter Erwachsener ist darüber hinaus von großer Bedeutung. Lernformate und Lernorte müssen an deren lebensweltlichen Situationen ausgerichtet werden. Das Konzept der „Lebensweltorientierung“ verweist „auf die Notwendigkeit einer konsequenten Orientierung an den Adressat*innen mit ihren spezifischen Selbstdeutungen und individuellen Handlungsmustern in gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen“ (Grundwald 2005).

Neben den verschiedenen Lernformaten setzt das Projekt auf eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit, um Vorurteile gegenüber gering literalisierten Menschen abzubauen und aufklärend zu wirken. Unterstützt wird „mittendrin“ durch ein Netzwerk von Kooperationspartner*innen ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Verortung. Durch das breit gefächerte Zusammenwirken werden diverse Erkenntnisse über die Bildungsbedürfnisse von Menschen mit geringer Literalität gewonnen, die u. a. für die Weiterentwicklung von Lernangeboten, Arbeitsmaterialien sowie Sensibilisierungsformaten notwendig sind. Zielgruppen des Projektes sind Erwachsene in der Fußballfanarbeit und erwachsene Personen in deren sozialräumlichem Umfeld.

Die erste Projektidee zu „mittendrin“ gründet auf langjährigen Überlegungen der Volkshochschule Dresden „Bildung für alle“ tatsächlich niedrigschwellig und kostenfrei anbieten zu können, um auch lernungewohnte Menschen für die Teilnahme zu motivieren. Bereits 2016 wurde – aufgrund von Erfahrungen des Lernzentrums Denk-Anstoß im Stadion – gemeinsam mit dem damaligen Geschäftsführer des Fanprojekts Dresden e. V. der Gedanke zur Gründung einer „Stadionakademie“ entwickelt. Die Arbeit im Lernzentrum hatte verdeutlicht, dass die mangelnden Lese- und Schreibfähigkeiten junger Erwachsener zu den größten Herausforderungen außerschulischer Bildung gehören. Geringe soziale Kompetenzen gehen erfahrungsgemäß nicht selten mit Problemen des literalen sowie mathematischen Basiswissens einher. Deshalb sollte die „Stadionakademie“ mit ihren Lernangeboten die Möglichkeit bieten, Erwachsene aus Dresden und dem Umland an einem ihnen vertrauten und geschützten Ort – dem Stadion – so anzusprechen, dass die tabuisierte Problematik geringer Literalität nicht zwangsläufig ein Lernhindernis darstellt.

Die besondere Bedeutung des Stadions als Begegnungsort unterstreichen auch lernende Fans immer wieder: „Die Atmosphäre in dem neuen Stadion ist schon gewaltig“. Ich gehe ins Stadion, „um mit mehr Leuten in Kontakt zu kommen, sich gemeinsam freuen, sich gemeinsam ärgern über Fehlentscheidungen“. „Das gehört zum Leben dazu und das ist auch wichtig, dass man das ausleben kann“. „Die Fanszene ist schon gewaltig.“ (Auszüge aus einem Interview am 10. Mai 2021 mit Enrico Bakán, Lernexperte und Fan)

Um diese Idee Erfolg versprechend umsetzen zu können und den Zugang für die Betroffenen zu erleichtern, mussten jedoch zunächst finanzielle Mittel gefunden werden, die kostenfreie Lernangebote ermöglichten. Diese Chance bot sich 2017 mit der Veröffentlichung der Richtlinie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zur Förderung von lebensweltlich orientierten Entwicklungsvorhaben in der Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener.

Dank entsprechender Förderzusage wird „mittendrin“ nunmehr seit 2019 (bis Ende 2021) durch das BMBF im Rahmen der AlphaDekade (vgl. https://www.alphadekade.de/) gefördert.

2 Vorgehensweise

Zunächst erfolgte in bestehenden Angeboten der Fußballfanarbeit eine Bedarfserhebung hinsichtlich der lebensweltlichen Bedürfnisse und Anforderungen der Fans und deren Bildungsbedürfnissen. Lediglich im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit war der Lernort „Stadion“ bereits erprobt. Ein erstes offenes Lernformat für Erwachsene musste als Test im Stadionumfeld etabliert werden und diente als „Anpfiff“ für weitere Aktivitäten, die sukzessive durch die SG Dynamo Dresden Unterstützung fanden. Erste Erkenntnisse mündeten beispielsweise in die Verlegung des Lernangebots direkt ins Stadion, um eine größere Attraktivität generieren zu können.

Parallel zur Entwicklung von Lernformaten und zur Erkundung von Lernorten begann die Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit der Kooperationspartner*innen.

Weitere Kommunikationsformen und -maßnahmen für die Ansprache der Fans wurden unter Einbindung einer Agentur in Form eines professionell erstellten, konkreten Strategiepapiers entwickelt. Dadurch konnte die Kooperation mit der SG Dynamo und verschiedenen sozialen Trägern, wie beispielsweise Safe DD, sowie Akteur*innen aus der Alphabetisierung und Grundbildung, wie der Koordinierungsstelle Alphabetisierung im Freistaat Sachsen, intensiviert und konkretisiert werden. Für die Bewerbung der Lernangebote wurden Postkarten entwickelt, die in einfacher Sprache erforderliche Inhalte transportieren. Eine eigens für das Projekt konzipierte Broschüre kommt in vielen Bereichen der Öffentlichkeitsarbeit, der Vernetzung und der Sensibilisierung zum Einsatz.

Mittlerweile finden lebensweltorientierte Angebote innerhalb der Fußballfanarbeit (im Stadion und in der Nachwuchsakademie der SG Dynamo Dresden) statt. Durchgeführt werden Formate in den Räumlichkeiten der Beratungsstelle Safe DD, im Jugendarrest Dresden, in einer Einrichtung im Stadtteil Löbtau, in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und gemeinsam mit der Obdachlosenzeitung DROBS. Für gering literalisierte Menschen, die sich für diese Kleingruppenformate noch nicht gewappnet fühlen, wird zunächst ein temporäres Einzelcoaching organisiert. Kontinuierlich entstehen neue Lernorte und Bildungsformate zur Alphabetisierung und Grundbildung, die nach innovativen lebensweltlichen und sozialintegrativen Prinzipien aufgebaut sowie konkret erprobt, evaluiert und weiterentwickelt werden, obwohl auch hier die Pandemie zu starken Einschränkungen geführt hat.

3 Erfolgsfaktoren

Wertvolle Praxispartnerin für die Ausführung und die Planung der Angebote sowie für die Zugänge zu den Fans ist die SG Dynamo Dresden. Eine ebenso wichtige Rolle nimmt sie in der Öffentlichkeitsarbeit ein. Im Bereich der Alphabetisierung arbeiten alle Partner*innen eng mit der Koordinierungsstelle Alphabetisierung im Freistaat Sachsen (Koalpha) zusammen. Durch diese Strukturen entstehen Verknüpfungen zu weiteren Multiplikator*innen aus dem Handlungsfeld Alphabetisierung und Grundbildung (z. B. Alfa Mobil, Alfa Media, Mehrgenerationenhäusern, Bildungsträgern) sowie zu Expert*innen aus verschiedenen sozialräumlich arbeitenden Netzwerken (z. B. Stadtteilrunden, Safe DD, Neuer Hafen e. V., Tafeln).

Immer wieder wird in der Begegnung mit der heterogenen Zielgruppe gering literalisierter Erwachsener deutlich, dass die Unterstützung durch Lernexpert*innen, also ehemals betroffenen Personen, überaus hilfreich und gewinnbringend ist. Sie haben einen ganz besonderen Blick, beispielsweise auf Kommunikationsstrategien oder Werbematerialien, können mit ihrer persönlichen Geschichte Mut machen und zeigen, dass es immer lohnend ist, Lernbemühungen aufzunehmen. Deshalb wird „mittendrin“ von zwei ehrenamtlichen Lernexpert*innen begleitet.

Inhalte und Materialien werden gemeinsam mit ihnen ausgewertet und auf ihre Eignung zur Ansprache der Betroffenen geprüft. Dabei wird durchgehend auf Augenhöhe und nach Konsensprinzip entschieden. Die Lernexpert*innen werden in die Konzeption aller Lernangebote eingebunden, wirken bei der Evaluation der Angebotsformate mit, unterstützen bei der Konzeption von Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit, erproben Arbeitsmaterialien und stehen als Expert*innen für die Sichtweise der Betroffenen zur Verfügung.

Die Durchführung der Lernangebote übernehmen Dozent*innen, die Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit geringer Literalität haben. In einzelnen Formaten findet eine sozialpädagogische Begleitung statt, um dem gesamtheitlichen Blick auf die Teilnehmenden gerecht zu werden. Die Angebote werden seitens der Volkshochschule konzipiert, geplant und organisiert. Auch die Auswahl der Dozent*innen obliegt der Volkshochschule. Die SG Dynamo Dresden stellt Räumlichkeiten und Zugänge zu allen benötigten Anlagen zur Verfügung. Neben den Räumlichkeiten im Rudolf-Harbig-Stadion und im Trainingszentrum der SG Dynamo wurden weitere Lernorte mit Fußballbezug sowie in der Lebenswelt der Teilnehmer*innen erschlossen. Darüber hinaus arbeitet die Volkshochschule Dresden mit Partner*innen aus allen lebensweltlichen Bereichen der Fußballfans zusammen.

Der Motivationsfaktor „Fußball“ ist ein wesentlicher Ankerpunkt von „mittendrin“. Wie entscheidend der Bildungsort Stadion für die Motivation Betroffener ist, wird aus den nachstehenden Äußerungen deutlich.

„Der Lernort – die VIP-Loge – das war schon natürlich super […] man ist dort gerne reingegangen […] mir hat’s echt gutgetan, muss ich sagen.“ „Egal in welchem Bereich das wäre im Stadion, ich würd’s auf jeden Fall sagen [das Stadion ist ein guter Lernort].“ „[Das Stadion ist] auf jeden Fall gut fürs Lesen und Schreiben und das Mit­einanderverbinden, auch halt mit dem Fußball“. „Ich finde, dass man die Leute dort (im Stadion) erreicht“ (Bakán).

Für Vorhaben, die in der Öffentlichkeit eine Veränderung und ein Umdenken bewirken sollen, sind Schirmherrschaften von besonderer Bedeutung, weil damit insbesondere Personen des öffentlichen Lebens für die Ziele der Projekte eintreten, so auch bei „mittendrin“. Die Schirmherren des Projektes Holger Scholze (Präsident SG Dynamo Dresden) und Dirk Hilbert (Oberbürgermeister der Stadt Dresden) tragen mit ihrer Rolle dazu bei, dass betroffene Menschen in der Gesellschaft entstigmatisiert werden und Vorurteile öffentlichkeitswirksam abgebaut werden können. Beide Förderer weisen auf die Wichtigkeit und die gesellschaftliche Relevanz des Projektes hin.

Mittlerweile offeriert das Projekt eine breite Palette unterschiedlicher Lernformate, die alle auf der Projekthomepage (https://www.vhs-dresden.de/projekte/mit­tendrin/kurse.html) präsentiert werden. Exemplarisch werden hier fünf Angebote vorgestellt, um die Vielfalt der Ausrichtung darzustellen.

Fußball +

Es ist ein offenes Angebot, dass einmal wöchentlich in einer VIP-Loge des Rudolf-Harbig-Stadions stattfindet. Perspektivisch wird das Angebot im Trainingszentrum der SG Dynamo durchgeführt und durch eine sportpädagogische Einheit in Form eines gemeinsamen Trainings bereichert werden. Fußball + richtet sich an fußballbegeisterte Menschen, die besser lesen und schreiben lernen wollen. Dabei werden eigens entwickelte Materialien aus der Lebenswelt der Fußballfanszene verwendet, um Lernen mit der Leidenschaft zum Fußball und der Liebe zum Verein zu verbinden.

Halbzeit +

Hierbei handelt es sich um ein geschlossenes Kursformat im Jugendarrest Dresden. Ziel ist es, die straffällig gewordenen Jugendlichen und Heranwachsenden zu ermutigen, nach dem Aufenthalt im Arrest an weiteren Angeboten teilzunehmen. Während der Zeit im Arrest wird besonderes Augenmerk auf die Vermittlung von Grundbildung und Kommunikationsstrategien gelegt. Außerdem wird ein Vertrauensverhältnis zu den Teilnehmenden aufgebaut, um eine Reflexion der eigenen Lage zu erreichen und den Weg zu Veränderungen zu eröffnen.

Torschuss +

Torschuss + ist ein weiteres offenes Lernangebot für alle Fans der SG Dynamo Dresden, die ihre Lese- und Schreibfähigkeiten verbessern und den Reiz des Stadions genießen wollen. Dieses Angebot findet wöchentlich in der VIP-Loge des Rudolf-Harbig-Stadions statt. Die Inhalte, die thematisch an den Lieblingsverein angelehnt sind, lassen sich in dieser Atmosphäre sehr authentisch vermitteln und werten das Bildungserlebnis deutlich auf.

Anstoß +

Die Initiative „Willkommen in Löbtau“ bietet Migrant*innen ein Fußballfreizeitangebot, das durch ein Lernformat ergänzt wird. Einmal in der Woche treffen sich Geflüchtete, um ihr Lesen und Schreiben zu verbessern. Auch Deutschkenntnisse können vermittelt und erprobt werden. Das Angebot zeichnet sich dadurch aus, dass die Teilnehmenden anschließend gemeinsam Fußball spielen und damit beim Lernen wie auch im sportlichen Bereich Gemeinschaftsgefühl erfahren.

Drobskick +

In Kooperation mit der Dresdner Obdachlosenzeitschrift „DROBS“ wird in den Räumen einer Kirchgemeinde einmal in der Woche ein Kurs für Verkäufer*innen der Straßenzeitung angeboten. Hier bekommen diese die Möglichkeit, ihre (Schrift-)​Sprachkompetenzen zu verbessern. Weiterhin werden alltagsrelevante Themen besprochen und vermittelt.

Alle diese Formate verdeutlichen, dass „Fußball und Bildung zusammengehören, weil im Zusammenhang mit dem eigenen Hobby Lerninhalte vermittelt werden können und der Spaß beim Lernen hier nicht verloren geht. Die Lernumgebung ist vertraut und Blockaden werden leichter abgebaut“ (Pachel).

„Wer ein Fußballfan ist, möchte sich auch auf seinem Smartphone mit den passenden Apps beschäftigen. Dabei reicht es nicht, nur die Spielbegegnungen oder Tabellen abzurufen.“ (Beliebte Apps o. D.) Daher liegt die Entwicklung einer Fußball-App mit Übungen aus dem Alphabetisierungs- und Grundbildungsbereich nahe, die ein selbstbestimmtes Lernen ermöglicht. In der derzeitigen Phase wird eine innovative Fußball-Lern-App für Fans, die das Lernen im Fußballkontext spielerisch und digital ermöglichen soll, entwickelt.

Die aufgeführten Angebotsbeispiele machen deutlich, dass „mittendrin“ mit seinen Angeboten Personen aus allen sozialen Schichten, Nationalitäten und Kulturen anspricht. Der Umsetzung des inklusiven Anspruchs und somit der Anpassung der Angebote an die Bedürfnisse der einzelnen Menschen gilt besondere Aufmerksamkeit. Die Auswahl der Lernorte findet unter dem Aspekt der Barrierefreiheit statt. Die Angebote sind für die Teilnehmenden kostenfrei und damit für alle zugänglich. Ein wichtiges Anliegen des Projektes ist es, individuelle Bedarfe und Wünsche der Teilnehmenden in Bezug auf den Lernprozess zu berücksichtigen.

4 Ausblick

Das Fußballstadion als Bildungsort für Erwachsene stellt ein Novum in der Bildungslandschaft dar. Wie die bisherigen Erfahrungen von „mittendrin“ zeigen, bietet das Lernen in der Fußballfangemeinschaft einen deutlichen Mehrwert für den Einzelnen.

„Das Dynamostadion ist inzwischen mein drittes Zuhause und verbunden mit ausschließlich positiven Gefühlen… Das ist ein sehr guter Ort zum Lernen“ (Auszug aus einem Interview am 11. Mai 2021 mit Mandy Scholz, Lernexpertin und Fan).

Damit wird es möglich, auch benachteiligte Zielgruppen besser zu erreichen und zum Lernen zu motivieren. Es kann davon ausgegangen werden, dass die im Projekt entstehenden Angebotsstrukturen gut auf andere Vereine sowie sozialräumlich agierende Institutionen und Bildungseinrichtungen übertragbar sind. „mittendrin“ möchte über den derzeitigen Förderzeitraum hinaus kostenfreie Lernangebote für gering literalisierte Menschen im Fußballkontext anbieten. Zu diesem Zweck wird in der verbleibenden Projektlaufzeit die Verstetigung und Implementierung der Angebote angestrebt. Um die Fortsetzung der kostenfreien Angebote und die Weiterentwicklung des Projektes „mittendrin“ zu ermöglichen, wurde eine erneute Projektförderung ab 2022 für weitere drei Jahre beantragt.

Literatur

Beliebte App für Fußballfans im Check (o. D.). Fußballmanager. https://www.fussballmanager.de/news/beliebte-apps-fuer-fussballfans-im-check/

Grotlüschen, A. & Buddenberg, K. (Hrsg.) (2020). LEO 2018. Leben mit geringer Literalität. Bielefeld: wbv Media.

Grundwald, K. & Thiersch, K. (2005). Lebensweltorientierung. In H.-U. Otte & H. Thiersch (Hrsg.), Handbuch Sozialarbeit Sozialpädagogik (3. Aufl., S. 1137–1148). München/Basel: Reinhardt.

Autorinnen

Anja Jäpel-Nestler, Dipl.-Ökonomin, Berufspädagogin, seit 2011 Stellvertretende Direktorin der Volkshochschule Dresden.

Annett Lungershausen, M. A., seit 2019 Leiterin des Projektes „mittendrin – mit Kopf und Ball“ an der Volkshochschule Dresden.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch die Redaktionskonferenz am 12.08.2021 zur Veröffentlichung angenommen.

This article was accepted for publication following the editorial meeting on the 12th August 2021.