Nachrufe – Berichte

Nachrufe

Nachruf auf Peter Krug

Ekkehard Nuissl

Peter Krug ist tot. Er starb im September 2021 im Alter von 78 Jahren.

Peter Krug, gebürtiger Bremer, studierte in Göttingen zuerst Geisteswissenschaften, dann mehr und mehr Politik- und Sozialwissenschaften. Wie für viele andere seiner Generation waren die Debatten und Reflexionen der 68er-Bewegung ursächlich bei diesem Wandel des Studienschwerpunktes. Und das politische und soziale Engagement der Studienzeit kennzeichnete die Aktivitäten von Peter Krug in seinem ganzen weiteren Leben.

Sehr früh verband er sein politisches Engagement mit einem Engagement für die Bildungsarbeit, insbesondere die Erwachsenenbildung. Gesellschaftlicher Fortschritt und individuelle Entwicklung, so sein Credo, lassen sich nur über Bildung erreichen. Zu jener Zeit gab es an der Universität Göttingen Seminarkurse für Arbeiter und Arbeiterinnen, für männliche und weibliche Angestellte, die dem Prinzip einer interessenorientierten Aufklärung dienten. Sie standen in einem engen Zusammenhang mit den Gewerkschaften, waren eine besondere Form gewerkschaftlicher Bildungsarbeit. Peter Krug, im Hauptberuf wissenschaftlicher Assistent, beteiligte sich mehr und mehr an dieser Form von Bildungsarbeit für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Zugleich intensivierte er seine Mitarbeit im gewerkschaftlichen Kontext, insbesondere in der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. Dieser Kontext war auch Inhalt seiner Dissertation.

Seine wissenschaftlichen Ambitionen vertrat er nachdrücklich in der Sektion Erwachsenenbildung der Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, die sich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts konstituierte (sie feiert demnächst ihr 50-jähriges Jubiläum). Dort (1977) sind wir uns erstmals persönlich begegnet. Die damaligen Diskussionsschwerpunkte waren politische Bildung, Bildung für Benachteiligte, Bildung und Lerninteressen. Empirie wurde damals nicht als wertfrei verstanden, sondern war verbunden mit Erkenntnisinteressen, mit Aufklärung und gesellschaftlichen Bewegungen. Peter Krug gelang es, praktische Bildungsarbeit und wissenschaftliche Analyse auf der Grundlage einer sozialen und moralischen Werthaltung zu verbinden.

Anfang der 1980er Jahre wechselte er von der Universität in die politische Praxis, in das Bildungs- und Wissenschaftsministerium von Nordrhein-Westfalen. Als Beamter war er gleich zu Beginn zuständig für die kooperative Entwicklung eines Bildungsurlaubsgesetzes, das Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen in NRW über eine bezahlte Freistellung von der Arbeit die Chance auf die Teilnahme an einer Bildung eröffnen sollte, die ihren individuellen und politischen Interessen entsprach. Nach dreijährigen pluralen Beratungen wurde das intendierte Gesetz verabschiedet. Trotz des Namens „Arbeitnehmer-Weiterbildungs-Gesetz“ (die Assoziation an „Urlaub“ sollte vermieden werden) entstanden in den Folgejahren vielfach Auseinandersetzungen zwischen Arbeitnehmenden und Arbeitgebern hinsichtlich seiner Realisierung im betrieblichen Alltag – wie in vielen anderen Ländern der Bundesrepublik auch.

Mit der Perspektive, den Weiterbildungsbereich des Landes zu fördern, weiter auszubauen und zu gestalten, wechselte Peter Krug in den 1990er Jahren in das entsprechende Ministerium in Rheinland-Pfalz und verlegte zugleich seinen Wohn- und Lebensmittelpunkt von Düsseldorf nach Mainz. In leitender Stellung im Ministerium zeichnete er verantwortlich für vielfältige Initiativen und Innovationen, welche die Struktur der Weiterbildung und deren Verbindung zu den anderen Bildungsbereichen betrafen, und zeichnete verantwortlich für ein wegweisendes Weiterbildungsgesetz. Auf der Grundlage seines Amtes in Rheinland-Pfalz übernahm er den Vorsitz der Arbeitsgruppe Weiterbildung der Kultusministerkonferenz der Länder, die Anfang der 2000er Jahre ein bemerkenswertes strategisches Konzept zum lebenslangen Lernen in Deutschland vorlegte.

Auch international unterstützte Peter Krug nicht nur die deutsche Weiterbildung, sondern auch diejenige innerhalb der Europäischen Union. Eine zentrale europäische Konferenz fand unter seiner Ägide in Mainz statt, das Ministerium war Partner und Initiator zahlreicher internationaler Projekte im Bereich der politischen und der beruflichen Bildung. Mit großem Engagement war Peter Krug auch direkt in manchen dieser Projekte involviert.

Anfang der 2000er Jahre war es auch, dass wir – zusammen mit dem Verlag – an das Konzept eines Werkes gingen, das Rechtstatbestände übersichtlich und bezogen auf die anstehenden Inhalte zugänglich machen sollte. Uns beiden war die Bedeutung des rechtlichen Rahmens auch der Weiterbildung sehr bewusst, ebenso wie seine Unterschätzung im wissenschaftlichen Diskurs. Der vielen Änderungen wegen, die sich im Rechtssystem und seiner Auslegung fortlaufend ergeben, entschieden wir uns für eine Loseblattsammlung, welche den Rahmen für die jeweils mitgelieferten juristischen Texte (Gesetze und Verordnungen) sowie deren Auslegungen (Gerichtsurteile, Entscheidungen) liefern sollte. Eine frühe „hybride“ Form (Papier, CD-ROM) sollte dabei den Zugriff ordnen und erleichtern. Trotz weiter fortgeschrittener Publikationstechnologien hat das Werk auch heute eine Vielzahl von Rezipientinnen und Rezipienten.

Mit Peter Krug verliert die deutsche Weiterbildung eine herausragende Persönlichkeit, ich einen langjährigen Kollegen und Freund. Er bleibt unvergessen.

Nachruf auf Rolf Dobischat

Helmut Bremer und Dieter Münk (Universität Duisburg-Essen) sowie
Bernd Käpplinger (Vorstand der Sektion Erwachsenenbildung)

Professor Rolf Dobischat ist am späten Abend des 29. Oktober 2021 verstorben.

Rolf Dobischat war seit 1991 Professor für Wirtschaftspädagogik mit dem Schwerpunkt „Beruflich-betriebliche Aus- und Weiterbildung“, zunächst an der Universität Duisburg und im Anschluss bis 2020 in selber Funktion an der Universität Duisburg-Essen, die letzten beiden Jahre als Seniorprofessur.

Als klassisches „Arbeiterkind“ begann Rolf Dobischat seine wissenschaftliche Karriere auf dem zweiten Bildungsweg und erwarb nach einer beruflichen Ausbildung zum Industriekaufmann (1964 bis 1967) parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit die Hochschulzugangsberechtigung. Von 1971 bis 1977 studierte er Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspädagogik und Sozialwissenschaften an den Universitäten Kassel und Göttingen. Es folgten mehrere Stationen als wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Kassel, der Fernuniversität Hagen sowie der Universität Karlsruhe (Fridericiana, heute KIT). Im Jahr 1983 promovierte Rolf Dobischat im Fach Berufs- und Wirtschaftspädagogik und 1991 wurde er schließlich mit der Venia „Berufspädagogik und berufliche Weiterbildung“ an der Universität Karlsruhe habilitiert.

Rolf Dobischat war ein hoch geachteter Wissenschaftler und äußerst gefragter Experte. In der Erwachsenenbildung/Weiterbildung war er vor allem bekannt durch seine zahlreichen Beiträge zum Themenfeld der beruflichen und betrieblichen Weiterbildung, die er gestützt auf breite empirische Forschung in vielen Facetten ausgeleuchtet hat, oftmals mit Bezug zum Spannungsfeld Bildung und Beschäftigung. Weitere von ihm intensiv bearbeitete Themenfelder waren Professionalität und die oftmals prekäre Beschäftigungssituation des Personals in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung, rechtliche und finanzielle Rahmungen der Weiterbildung sowie bildungspolitische Fragen.

Aus seiner ausgesprochen umfangreichen Publikationstätigkeit, die neben Beiträgen in Fachzeitschriften und Büchern, Buchherausgaben und Monografien auch Artikel in einschlägigen Handbüchern und Lexika umfasst, ist seine Mitherausgeberschaft der wissenschaftlichen Buchreihe Bildung und Arbeit besonders zu erwähnen.

Auch außerhalb der Wissenschaft war er ein gefragter Experte und Ratgeber. Er war Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen und bildungspolitischen Beiräten. Hervorzuheben ist die Präsidentschaft des Deutschen Studentenwerkes in den Jahren 2006 bis 2011. Zudem war er viele Jahre Vertrauensdozent und Gutachter für die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Hans-Böckler-Stiftung. Besonders zu erwähnen ist auch seine langjährige Mitgliedschaft im wissenschaftlichen Beraterkreises von IG-Metall und ver.di.

In den annähernd 30 Jahren seiner Tätigkeit an der Universität Duisburg-Essen bekleidete Rolf Dobischat eine Vielzahl unterschiedlichster Positionen. Die Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses war ihm stets sehr wichtig; er hat zahlreiche Promotionen betreut und Habilitationen gefördert.

Nicht nur unter Kolleginnen und Kollegen, auch unter den Studierenden war er sehr geschätzt und hatte hier jederzeit ein Ohr für die kleinen und großen Probleme, die ein Studium zwangsläufig mit sich bringt.

Rolf Dobischat war ein kritischer und engagierter, dabei zugleich solidarischer und warmherziger Wissenschaftler, stets bereit, auch für „seine Sache“ zu streiten und unbequemen Fragen nicht aus dem Weg zu gehen. Allen, die seine Präsenz und Authentizität, seine Klugheit und herausragende wissenschaftliche Expertise, sein gesellschaftspolitisches Engagement und die Fähigkeit zur Empathie sowie seinen unerschütterlichen Humor gekannt und zu schätzen gelernt haben, wird Rolf Dobischat sehr fehlen.

Berichte

Volkshochschulen fordern auskömmliche Finanzierung des lebensbegleitendes Lernens

Christoph Köck

Heike Habermann wurde auf der 40. Verbandsversammlung erneut zur Vorsitzenden des Hessischen Volkshochschulverbandes gewählt.

Anlässlich der 40. Verbandsversammlung des Hessischen Volkshochschulverbandes wurde eines deutlich: Ohne eine weitere merkbare Aufstockung der Förderung seitens des Landes Hessen wird das lebensbegleitende Lernen das Stiefkind der Bildungspolitik bleiben. 61 Delegierte aus den hessischen Kommunen und den Volkshochschulvereinen berieten sich am 28. Oktober im Congress Park Hanau zu den Entwicklungen der öffentlich verantworteten Erwachsenenbildung. Der Hessische Volkshochschulverband wurde vor 75 Jahren in Frankfurt gegründet und unterstützt als Dachorganisation die Arbeit der 32 hessischen Volkshochschulen und der Akademie Burg Fürsteneck.

Neben den Delegierten begrüßte Verbandsvorsitzende Heike Habermann Gäste aus Bildung, Wissenschaft und Politik. Die kommunale Familie und das Land Hessen würdigten die umfassende Arbeit der Volkshochschulen und ihres Verbandes für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Grußworte hielten Axel Weiss-Thiel für die gastgebende Stadt Hanau und den Städtetag, Kultusminister Professor R. Alexander Lorz für das Land Hessen, Vizepräsident Wolfgang Schuster für den Landkreistag sowie Julia von Westerholt für den Deutschen Volkshochschulverband. Kultusminister Lorz akzentuierte die besondere Rolle der Volkshochschulen für die Demokratiebildung und sah die vhs-Bewegung mit ihren neuen Arbeitsschwerpunkten „Zusammen in Vielfalt. Nachhaltig. Vernetzt“ gut aufgestellt für die Herausforderungen der kommenden Jahre.

Professor Peter Schallenberg, Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät in Paderborn, spannte in seinem Gastvortrag unter dem Titel „Abbildung – Ausbildung – Einbildung“ einen weiten Bogen zur tragenden Rolle von Bildung im Prozess der Lebensentfaltung und der Identitätsfindung. Er plädierte – anknüpfend an den Mittelalterphilosophen Meister Eckart – für eine gelassene Haltung bei der Sinnsuche und der Persönlichkeitsentwicklung.

In der anschließenden Geschäftssitzung resümierte die Vorsitzende Heike Habermann die Aktivitäten der vergangenen zwei Geschäftsjahre. Auch die Volkshochschulen sind stark von der Pandemie betroffen. Bei allen schwierigen Herausforderungen gelte es jetzt, die positiven Erfahrungen aus der digitalen Coronazeit mit den Vorteilen des Präsenzlernens zusammenzubringen. Die Vorsitzende machte sich dabei allerdings Sorgen um die künftige Finanzierung der Erwachsenenbildung. Trotz des Weiterbildungspaktes steht Hessen im Ländervergleich weit hinten: „Selbst wenn das Land statt den bisherigen rund zwei Euro pro Einwohner und Jahr wenigstens fünf Euro verausgaben würde, lägen wir immer noch nicht auf der Höhe des Bundesdurchschnitts der Länder“, so Habermann. Hier ist Abhilfe gefragt. Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Integration und Inklusion sind öffentliche Aufgaben, die auch die Volkshochschulen gestalten müssen.

Bei der abschließenden Vorstandswahl wurde Heike Habermann als Verbandsvorsitzende bestätigt. Weitere gewählte Vorstandsmitglieder sind: Dr. Stefanie Dreyfürst (Direktorin vhs Wiesbaden), Christian Engelhardt (Landrat Kreis Bergstraße), Ulrike Gote (Stadträtin Kassel) und Monika Schenker (Leiterin vhs Vogelsbergkreis).

Das Audio-Dokument des Vortrags und eine Fotogalerie sind unter folgendem Link auf der Homepage des hvv zu finden: https://vhs-in-hessen.de/Artikel/cmx5​a170c2a55bb9.html.

Siegener Sozialwissenschaftler ist neuer Vorsitzender der DVPB

Alexander Wohnig

Im Rahmen der Delegiertenversammlung der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung e. V. (DVPB) am 26. November 2021 in Jena wählten die Mitglieder den Siegener Sozialwissenschaftler Juniorprofessor Alexander Wohnig zum neuen Bundesvorsitzenden. Er löst damit den Oldenburger Wissenschaftler Professor Tonio Oeftering ab.

Die DVPB ist der maßgebliche Fachverband für politische Bildung in Deutschland. Sie ist ein Zusammenschluss von Lehrer*innen, Wissenschaftler*innen und außerschulischen Pädagog*innen, die sich der politischen Bildung der Bürger*innen und der demokratischen politischen Kultur der Gesellschaft verpflichtet fühlen. Sie versteht sich sowohl als Partnerin wie auch als Kritikerin der öffentlichen Institutionen, die für politische Bildung Verantwortung tragen.

„Die DVPB ist die wichtige Stimme, wenn es um die Positionierung der Interessen schulischer als auch außerschulischer politischer Bildung in politischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatten geht“, erklärt Wohnig seine Motivation, für den Vorstand zu kandidieren. „Das Engagement des Verbandes für die Stärkung der politischen Bildung ist mir ein besonderes Anliegen. In diesem Sinne freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Bundesvorstands und der 16 Landesverbände der DVPB in den kommenden drei Jahren.“

Der Bundesvorstand, dem der Siegener nun vorsteht, vertritt die Interessen des Verbands gegenüber dem Bundestag, den Bundesministerien, der Bundeszentrale für politische Bildung etc. Der Bundesvorstand organisiert überregionale Fortbildungsveranstaltungen und regelmäßig die Bundeskongresse Politische Bildung. Er verwaltet ferner den unabhängigen Forschungsfonds „Psychologie der politischen Bildungsarbeit“.